Hunde lieben's heiß
Und es geht nicht um's Wetter
(25.11.2025) Hunde gelten als treue Begleiter des Menschen. In Sachen Partnerschaft nehmen sie es aber deutlich weniger genau als ihre wilden Vorfahren, die Wölfe. Eine Verhaltensstudie mit frei lebenden Hunden zeigt: In Menschennähe haben Hündinnen und Rüden oft mehrere Geschlechtspartner, während Wolfs-Paare in der Regel über viele Jahre – oft lebenslang – zusammenbleiben.
Eine Forschergruppe um die Verhaltensforscherin Sarah Marshall-Pescini von der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat freilebende Hunderudel in Marokko, Italien und der Ukraine untersucht. Diese Tiere gehören niemandem, leben aber in Dörfern oder Stadträndern, wo sie sich von Abfällen, Essensresten oder direkter Fütterung durch Menschen ernähren. Aus den genetischen Analysen der Welpen ergab sich ein klares Bild: Viele Würfe bestanden nicht aus Vollgeschwistern, sondern aus Halbgeschwistern. Die Welpen hatten entweder unterschiedliche Väter oder in manchen Fällen unterschiedliche Mütter, obwohl sie im selben Wurf groß wurden. Das heißt: Sowohl Rüden als auch Hündinnen verpaaren sich regelmäßig mit mehreren Partnern.
Die Forschenden konnten dabei teilweise bis zu sieben verschiedene Sexualpartner nachweisen. Der klassische, übersichtliche Stammbaum, wie man ihn aus einem Wolfsrudel kennt, löste sich bei den Hunden in ein dichtes Netz aus Verwandtschaftsbeziehungen auf. Auch innerhalb eines einzigen Wurfs waren die Väter oft nicht identisch. Das deutet darauf hin, dass Hündinnen während einer Läufigkeit nicht nur einmal gedeckt werden, sondern mit mehreren Rüden Sex haben. Die verschiedenen Spermien „konkurrieren“ dann um die Eizellen in der Gebärmutter.
Ganz beliebig wählen die Hunde ihre Partner aber nicht. In einem Rudel in Marokko beobachtete das Team über einen längeren Zeitraum das Verhalten der Tiere. Dabei zeigte sich, dass die Hunde beim Paaren eine klare Vorliebe für vertraute Rudelmitglieder hatten. Bestimmte Hündinnen und Rüden kamen dabei immer wieder zusammen, ohne dass daraus eine exklusive „Paarbeziehung“ im Sinne monogamer Wölfe wurde. Man könnte sagen: Es gibt Lieblingspartner, aber keine strenge Treue. Diese Bevorzugung vertrauter Tiere dürfte auch mit ein Grund sein, warum nicht ständig neue Wölfe in solche Populationen eingekreuzt werden.
Lebens- und Ernährungsbedingungen
Entscheidend für den Unterschied zu den Wölfen sind aus Sicht der Forscherinnen und Forscher die Lebens- und Ernährungsbedingungen. Wölfe müssen ihre Beute jagen und über lange Zeit Futter zu den Jungen bringen. Mutter und Vater sind beide in die Versorgung des Nachwuchses eingebunden, und eine stabile Paarbindung ist für das Überleben der Welpen enorm wichtig. Bei freilebenden Hunden in Menschennähe ist das anders. Sie finden Futter vor allem dort, wo Menschen leben, und müssen keine großen Beutetiere im Team erlegen. Die Hündin kann ihre Jungen großziehen, ohne dauerhaft auf einen Partner angewiesen zu sein. In vielen Fällen übernehmen fast ausschließlich die Mütter die Betreuung der Welpen, manchmal unterstützt von verwandten Hündinnen aus dem Rudel.
Die Studie stützt damit die These, dass nicht erst die Domestikation den Wandel im Paarungsverhalten der Hunde ausgelöst hat, sondern umgekehrt: Der Schritt von einer monogamen, eng kooperativen Lebensweise der Wölfe hin zu einem freizügigeren, flexibleren System könnte eine treibende Kraft der „Haustierwerdung“ des Hundes gewesen sein. Durch häufigen Partnerwechsel verbreiten sich neue Merkmale – etwa eine bessere Anpassung an den Menschen und seine Umgebung – deutlich schneller in der Population, als es bei strengen Paarbindungen der Fall wäre. Kurz gesagt: Die Nähe zum Menschen hat Hunde nicht nur äußerlich und charakterlich verändert, sondern offenbar auch ihr Liebesleben. Während der Wolf an seiner Partnerin festhält und gemeinsam mit ihr jagt, nutzt der Hund in der menschlichen Welt die neuen Freiheiten – inklusive eines weit verzweigteren Familiennetzes.
(fd/apa)