Droht neue Fluchtbewegung?
Iran-Krieg: Europas Sorge
(09.03.2026) Die Eskalation im Iran lässt in Europa Erinnerungen an die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre aufkommen. Noch gibt es keine größeren Abwanderungen aus dem Land, doch Politiker und Experten beobachten die Lage aufmerksam.
Sollte sich der Konflikt ausweiten, könnte besonders die Türkei zu einer zentralen Fluchtroute werden. Die Europäische Union sieht sich dennoch als „besser vorbereitet als vor zehn Jahren“, so EU-Migrationskommissar Magnus Brunner (ÖVP).
Sorge in Europa & drohende Eskalation
Während sich der Krieg im Iran zuspitzt, wächst in Europa die Sorge vor möglichen neuen unkontrollierten Migrationsbewegungen. „Wir möchten kein syrisches Szenario erleben“, warnte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz. Damals verließen Millionen Menschen ihre Heimat, viele suchten Schutz in Europa. Entscheidend sei daher, dass im Iran die staatliche Ordnung und Grundversorgung erhalten bleiben, um unkontrollierte Fluchtbewegungen zu verhindern, so Merz.
Die Spannungen wurden zusätzlich angeheizt, nachdem US-Präsident Donald Trump dem Iran mit einer Ausweitung der Angriffe drohte. Auf seiner Plattform Truth Social teilte er mit, dass auch bislang verschonte Gebiete künftig Ziel militärischer Aktionen werden können und schrieb unter anderem von „kompletter Zerstörung und sicheren Tod“.
Flucht und Vertreibung im Iran
Mehr als 26 Millionen Vertriebene lebten bereits vor den jüngsten Eskalationen in der von Kriegen geprägten Region des Nahen Ostens, einschließlich des Irans. Nach Schätzungen des israelischen Militärs haben rund 420.000 Menschen wegen der Angriffe Israels im Libanon bereits ihr Zuhause verlassen.
EU-Migrationskommissar Brunner sieht derzeit keine größeren Fluchtbewegungen. „Aktuell beobachten wir keine größeren Bewegungen in Richtung der Außengrenzen Irans“, erklärte er. Ein möglicher Grund sei, dass sich die Angriffe bislang auf einzelne, klar definierte Ziele innerhalb des Landes beschränken.
Auch das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) verweist darauf, dass viele Menschen zunächst innerhalb des Landes Zuflucht suchen. Besonders Bewohner der Hauptstadt Teheran hätten häufig Verwandte oder Bekannte in anderen Regionen, zu denen sie vorübergehend ausweichen könnten. Schwieriger sei die Lage für die rund 2,5 Millionen Afghanen im Iran, die meist kein solches Netzwerk besitzen - ein Thema, das die EU-Kommission besonders beschäftigt.
In internen Schreiben warnen EU-Beamte davor, dass eine anhaltende Destabilisierung des Landes dazu führen könnte, dass viele Afghanen in benachbarte Staaten fliehen. Experten weisen zudem darauf hin, dass eine weitere Eskalation des Konflikts, wie US-Präsident Donald Trump zunächst ankündigte, auch gebürtige Iranerinnen und Iraner zur Flucht zwingen könnte. Die Frage, die sich stellt, ist jedoch wohin?
Iranische Communities in Europa
Eine mögliche Fluchtrichtung wäre dorthin, wo bereits soziale Netzwerke bestehen. In Europa lebt die größte iranische Gemeinschaft in Deutschland. Viele Menschen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren nach der Revolution als Flüchtlinge oder ArbeitsmigrantInnen aus dem Iran kamen, sind inzwischen eingebürgert. Laut Angaben des Bundesinnenministeriums zählte Deutschland Ende Januar 161.817 iranische Staatsangehörige. Auch in Frankreich und anderen EU-Ländern bestehen größere iranische Communities.
Türkei bereitet sich auf mögliche Flüchtlingsströme vor
Angesichts der angespannten Situation trifft die Türkei bereits Vorkehrungen entlang ihrer mehr als 500 Kilometer langen Grenze zum Iran. Laut einem Bericht der Zeitung „Hürriyet“ erklärte Innenminister Mustafa Ciftci, dass Migration zunächst noch auf iranischem Boden gesteuert werden solle. Pufferzonen an der Grenze sowie eine kontrollierte Aufnahme in der Türkei würden nur als „letzte Option“ dienen, so der türkische Innenminister. In vorbereiteten Zeltlagern an der Grenze könnten künftig bis zu 90.000 Menschen untergebracht werden.
Migration über die Türkei nach Europa wäre heute allerdings deutlich schwieriger als noch vor einem Jahrzehnt. Laut dem Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück wurden sowohl an der türkischen Grenze als auch in EU-Staaten wie Bulgarien oder Griechenland die Kontrollen stark ausgebaut. Ein Zustrom wie während des syrischen Bürgerkriegs gilt daher derzeit als unwahrscheinlich. „Wir sind besser vorbereitet als vor zehn Jahren“, bestätigte Magnus Brunner.
EU stärkt Asylmechanismen für den Krisenfall
Zugleich verweist Brüssel auf neue geplante Maßnahmen in der EU-Migrationspolitik. Die beschlossene Asylreform enthält einen Krisenmechanismus für den Fall großer Fluchtbewegungen. Dann sollen die 27 EU-Staaten zusammenarbeiten, Geflüchtete gerecht untereinander aufteilen und die europäischen Grenzregionen mit zusätzlichen Ressourcen unterstützen, um die Bearbeitung von Asylanträgen zu beschleunigen. Die geplante Asylreform tritt allerdings erst im Juni 2026 in Kraft. Auch andere Migrationsregeln werden ab Juni zur Verfügung stehen, um ein weiteres „syrisches Szenario“ zu verhindern.
(apa/mk)