PVA unter Druck
Vorwürfe gegen Gutachter
(18.03.2026) Die Kritik an der Begutachtungspraxis der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) spitzt sich weiter zu. Jetzt fordert auch Volksanwalt Bernhard Achitz umfassende Reformen. Sein zentraler Vorschlag: eine unabhängige Begutachtungsstelle, die das System grundlegend verändern soll.
„Behandelt wie ein Betrüger“: Schwere Vorwürfe von Betroffenen
Ausgangspunkt der Debatte ist eine aktuelle Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Oberösterreich. Die Ergebnisse zeichnen ein alarmierendes Bild: 70 Prozent der Antragsteller empfinden die Untersuchungen als wenig oder gar nicht respektvoll. Berichtet wird von „kasernenartigem Ton“, Anschreien und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Viele Betroffene hätten laut Volksanwaltschaft den Eindruck, „wie ein Betrüger behandelt zu werden, bis das Gegenteil bewiesen ist“.
Achitz bestätigt: Diese Erfahrungen decken sich mit den Beschwerden, die täglich bei der Volksanwaltschaft einlangen.
System unter Druck: Beschwerden nehmen deutlich zu
Die Zahl der Beschwerden ist laut Volksanwalt spürbar gestiegen. Zwar sei das nicht repräsentativ, doch „relativ viele Menschen wenden sich an uns“, so Achitz.
Die Kritik kommt inzwischen von mehreren Seiten:
- Volksanwaltschaft
- Arbeiterkammer
- Behindertenanwältin
- Behindertenrat
- VertretungsNetz
- Politik (inkl. FPÖ und Grüne)
Der Reformdruck auf das System wächst damit massiv.
Reform-Vorschlag: eine zentrale, unabhängige Stelle
Im Zentrum steht eine klare Forderung:
Alle Begutachtungen sollen künftig von einer gemeinsamen, unabhängigen Stelle durchgeführt werden.
Der Hintergrund: Derzeit müssen Betroffene oft mehrfach zu unterschiedlichen Gutachtern – je nachdem, ob es um Pension, Pflegegeld, Behinderung oder Gericht geht. Das bedeutet: Mehrfach-Begutachtungen, widersprüchliche Einschätzungen und enorme Belastung für schwer kranke Menschen.
Achitz will ein System, in dem:
- Gutachter rein medizinisch beurteilen
- sie nicht wissen, für welche Institution sie arbeiten
- und ein gemeinsamer Finanzierungstopf besteht
Ziel: mehr Objektivität – und weniger Misstrauen.
Politik unter Zugzwang
Die Grünen erhöhen jetzt den Druck auf die Regierung. Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner spricht von einem „dröhnenden Schweigen“ aus dem Sozialministerium.
Der Vorwurf:
Die Probleme seien längst bekannt – doch konkrete Maßnahmen fehlen.
Schallmeiner nennt die Missstände klar:
- respektlose Behandlung
- Ignorieren medizinischer Diagnosen
- systematisches Misstrauen gegenüber Kranken
Das sei kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.
Besonders heikel sind neue Zahlen der Arbeiterkammer Oberösterreich. Sie zeigen deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen:
- 66 % der Frauen fühlen sich in ihrer Würde verletzt (Männer: 54 %)
- 47 % der Frauen berichten von Einschüchterung (Männer: 31 %)
- 48 % der Frauen wird Simulation unterstellt (Männer: 33 %)
Auch bei den Entscheidungen gibt es Unterschiede: Nur 17,5 % der Anträge von Frauen wurden 2024 bewilligt – bei Männern waren es 25,2 %.
👉 Besonders auffällig:
In Oberösterreich lag die Bewilligungsquote von Frauen seit 14 Jahren durchgehend unter jener der Männer.
Kritik auch an Gerichten und Sozialministeriumservice
Die Probleme betreffen laut Volksanwaltschaft nicht nur die PVA.
Auch Gutachten beim Sozialministeriumservice und bei Gerichten stehen in der Kritik.
Ein zentrales Problem:
Veraltete Bewertungsgrundlagen und fehlende medizinische Aktualität.
Beispiel: Die Krankheit ME/CFS ist in wichtigen Verordnungen teilweise noch immer nicht ausreichend berücksichtigt.
Fazit: Reform gilt als überfällig
Für Volksanwalt Achitz ist klar:
Ohne gesetzliche Änderungen wird es keine echte Verbesserung geben.
Sein Appell richtet sich direkt an die Politik:
👉 „Hier sind klare legistische Eingriffe notwendig.“
Der Druck wächst – und mit ihm die Erwartung, dass das System der medizinischen Begutachtung in Österreich grundlegend reformiert wird.
(fd/apa)