USA: Fußball vor Baseball
Mega-Boom vor WM
(11.05.2026) Die Fußball-Gemeinschaft in den USA steht vor einem monumentalen Ereignis. Bei der Männer-WM 2026 im eigenen Land soll eine besondere Generation die Nation begeistern und alle verbliebenen Skeptiker zu "Soccer"-Fans konvertieren. Seit der ersten USA-WM 1994 hat der Fußball in vielen Aspekten eine fulminante Entwicklung hingelegt und einen wahren Hype entfacht. Auch die Co-Gastgeber Mexiko und Kanada wittern in diesem Sommer die große Chance.
Galt Nordamerika vor 30 Jahren noch als fußballerische Wüste, in der laut Volksmund nur Frauen, Kinder und Immigranten das Spiel spielten, hat der weltweit beliebteste Sport seinen Rückstand inzwischen wettgemacht. Laut einer der aktuelleren Umfragen, durchgeführt im Auftrag der Zeitschrift "The Economist", nennen zehn Prozent der Menschen in den USA "Soccer" als ihren Lieblingssport. Damit liegt Fußball sogar vor Baseball an dritter Stelle, nur American Football und Basketball rangieren in der Gunst des Publikums höher.
"Viele Eltern lassen ihre Kinder lieber Fußball spielen, weil es im Football in den letzten Jahren immer wieder sehr schwere Verletzungen gegeben hat", sagte ÖFB-Rekordnationalspieler Andreas Herzog, in der Saison 2004 Legionär bei Los Angeles Galaxy und eine Dekade später Co-Trainer des US-Nationalteams. Der prophezeite: "Die WM wird sicher ein Riesenerfolg, aber die hohen Eintrittspreise sind ein Wahnsinn. Ich weiß nicht, wie die Leute das aufnehmen werden."
Eine Liga im Aufschwung - Der Höhenflug der MLS
Das Wachstum des Sports ist einerseits an die Entwicklung der Major League Soccer gekoppelt. Die Liga wurde 1993 ins Leben gerufen, startete ihre erste Saison 1996 und hing danach noch einige Jahre finanziell am Tropf einiger weniger Investoren. Mittlerweile ist die MLS aber auf 30 Teams angewachsen und prosperiert. Superstars wie Lionel Messi (Inter Miami), Thomas Müller (Vancouver Whitecaps) oder Son Heung-min (Los Angeles FC), ein Milliarden-Vertrag mit Apple TV und die bevorstehende WM heizen den Boom weiter an.
2024 erreichte die durchschnittliche Zuschauerzahl in der MLS mit 23.342 pro Spiel einen neuen Rekord und überschritt erstmals die Marke von 11 Millionen Zuschauern und Zuschauerinnen insgesamt. Im Jahr 2025 lag sie bei 21.988. Die MLS ist derzeit die dritte Kraft unter den Sportligen in Nordamerika - hinter der NFL, die in anderen Sphären schwebt, und der NBA. Die Major League Baseball (MLB) und die National Hockey League (NHL) hat sie in puncto Zuschauerschnitt bereits überholt. Im internationalen Vergleich der Fußball-Ligen nimmt sie diesbezüglich den zehnten Platz ein.
US-Teamchef: "Träume inspirieren die Realität"
Die stetige Expansion der MLS ging Hand in Hand mit laufenden Investitionen in Infrastruktur und Nachwuchsförderung. Davon profitierte nicht zuletzt das US-Männer-Nationalteam - das nach wie vor das wichtigste Zugpferd, um die breite Masse für das runde Leder zu begeistern. Mit Ausnahme von 2018 waren die "Yanks" seit 1990 für jede WM qualifiziert und verschafften dem Fußball jedes Mal einen Popularitätsschub. Dieser Effekt wird angesichts der Heim-WM 2026 noch stärker sein.
Rund drei Viertel des WM-Kaders von Trainer Mauricio Pochettino wird sich aus Europa-Legionären zusammensetzen. Der Kern der Gruppe um Christian Pulisic (AC Milan), Weston McKennie (Juventus), Timothy Weah (Olympique Marseille), Folarin Balogun (AS Monaco) und Chris Richards (Crystal Palace) bekleidet bei Spitzenteams Schlüsselpositionen, hat vor vier Jahren in Katar bereits eine WM bestritten und wurde schon als "Goldene Generation" bezeichnet.
"Wir müssen wirklich daran glauben, dass wir es schaffen können. Wir müssen träumen, träumen, denn Träume inspirieren die Realität", sagte Pochettino über die Ambitionen seiner Truppe. Allerdings erwiesen sich die europäischen Topnationen wiederholt als unüberwindbare Hürde bei WM-Turnieren. "Die MLS hat es in den letzten Jahren richtig gut gemacht, sie holen richtig gute junge Spieler aus Südamerika, früher hat man nur berühmte Namen geholt. Das Niveau der Liga ist besser geworden, aber beim US-Nationalteam bin ich mir nicht sicher, ob sie gut sind", meinte Herzog im APA-Gespräch.
Kanada und Mexiko wollen WM-Geschichte schreiben
Kanada, wo Fußball bei der jüngeren Generation ebenfalls extrem an Popularität zugelegt hat, geht mit Ex-Salzburg-Coach Jesse Marsch auf der Kommandobrücke und Franz Schiemer als Analyst ähnlich jung und hungrig ins Turnier. Auch hier reifte um Bayern-Profi Alphonso Davies oder Jonathan David von Juventus eine besondere Gruppe heran, die enormes Potenzial hat. Sportlich zeigte sich das unter anderem am überraschend starken Auftritt bei der Copa America 2024, als Kanada bis ins Halbfinale kam und am Ende Vierter wurde. 2026 wollen die "Ahornblätter" nach langem Warten endlich ihren ersten WM-Sieg realisieren.
Im Gegensatz zu den beiden nordamerikanischen Ländern ist Mexiko schon seit Jahrzehnten ein Fußball-Hotspot. Die Liga MX etablierte sich als eine der stärksten und finanziell attraktivsten Ligen auf dem Kontinent, Vereine wie Club America, Chivas Guadalajara oder Cruz Azul entwickelten sich zu nationalen und regionalen Größen. Gleichzeitig gehört die Nationalmannschaft, genannt "El Tri", zu den Nationen mit den meisten WM-Teilnahmen überhaupt. Seit 1994 waren die Mexikaner, die am 11. Juni im Aztekenstadion das WM-Eröffnungsspiel gegen Südafrika bestreiten, immer dabei. Höhepunkte waren die Heim-Weltmeisterschaften 1970 und 1986, bei denen Mexiko jeweils das Viertelfinale erreichte - bis dato das beste Abschneiden.
(apa/mc)