Weiter Kritik um PVA Gutachten
Reformen gefordert
(23.03.2026) Wien/Österreich – Die Kritik an der Begutachtungspraxis der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) reißt nicht ab. Nach einer viel beachteten Studie melden sich nun auch Diakonie und Hilfswerk zu Wort – und fordern ein grundlegendes Umdenken im System.
„Viele fühlen sich nicht respektvoll behandelt“
Auslöser der aktuellen Debatte ist eine Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Oberösterreich. Die Ergebnisse sind deutlich: 70 Prozent der Befragten gaben an, die Untersuchungen im Zusammenhang mit Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension als „wenig“ oder „gar nicht respektvoll“ erlebt zu haben. Auch bei Pflegegeld-Begutachtungen äußerten 42 Prozent diese Kritik. Berichtet wurde dabei von einem „kasernenartigen Ton“ bis hin zu Anschreien sowie von dem Vorwurf, Betroffene würden ihre Beschwerden nur vortäuschen. Die Diakonie sieht darin keine Einzelfälle. „Die Studie bestätigt sehr vieles von dem, was uns Betroffene seit Jahren berichten“, sagt Sozialexpertin Andrea Werdenigg. Viele hätten den Eindruck, dass ihre Situation nicht ernst genommen werde.
Forderung nach unabhängiger Begutachtungsstelle
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Struktur des Systems. Aktuell erfolgt die Begutachtung häufig durch jene Institution, die später auch über Leistungen entscheidet. Die Diakonie fordert deshalb eine eigenständige, unabhängige Begutachtungsstelle. „Wenn dieselbe Institution begutachtet und entscheidet, entsteht ein systemisches Problem“, so Werdenigg. Eine klare Trennung könnte das Vertrauen stärken und Verfahren nachvollziehbarer machen.
Auch das Hilfswerk unterstützt diesen Vorschlag – zumindest als ernsthaft zu prüfende Option.
Große Unterschiede bei Qualität der Gutachten
Besonders im Bereich Pflegegeld sieht das Hilfswerk erhebliche Schwankungen. Geschäftsführerin Elisabeth Anselm spricht von einer „enormen Bandbreite“: Während manche Gutachter sorgfältig und respektvoll arbeiten, komme es in anderen Fällen zu Ungenauigkeiten, Fehleinschätzungen und respektlosem Verhalten. Zudem würden wichtige Unterlagen – etwa ärztliche Befunde – oft nicht ausreichend berücksichtigt. Das müsse dringend verbessert werden.
Kritik auch am Sozialministeriumservice
Die Probleme betreffen laut Diakonie nicht nur die PVA. Auch beim Sozialministeriumservice, etwa bei der Feststellung des Grades der Behinderung, gebe es ähnliche Schwierigkeiten. Besonders belastend sei die Situation für Familien mit Kindern mit Behinderung. Diese müssten oft mehrfach zu Begutachtungen antreten, selbst bei dauerhaften Diagnosen. Zudem werde kritisiert, dass in Gutachten häufig eine defizitorientierte Sprache verwendet werde – teilweise in Anwesenheit der betroffenen Kinder.
„Grundsätzliches Umdenken“ gefordert
Sowohl Diakonie als auch Hilfswerk fordern ein Umdenken im gesamten System. Der Fokus dürfe nicht länger ausschließlich auf Defiziten liegen, sondern müsse stärker berücksichtigen, was Menschen können und tatsächlich benötigen.
Gerade bei komplexen Krankheitsbildern – etwa Demenz oder unsichtbaren Behinderungen – komme es immer wieder zu falschen oder zu niedrigen Einstufungen. Die Folgen seien gravierend:
Abgelehnte oder zu niedrig bewertete Anträge gelten als „verheerend“, weil sie nicht nur das Pflegegeld betreffen, sondern auch den Zugang zu weiteren Unterstützungen wie 24-Stunden-Betreuung oder Pflegeplätzen.
Verfahren oft „extrem belastend“
Viele Betroffene gehen gegen Entscheidungen vor Gericht. Laut Diakonie ist das jedoch für die Betroffenen und ihre Angehörigen „extrem belastend“. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen: Wer Einspruch erhebt, hat oft Erfolg. Ein erheblicher Teil der Bescheide wird nachträglich korrigiert.
Bessere Schulung von Gutachtern gefordert
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Qualifikation der Gutachter.
Die Diakonie fordert:
- aktuellere wissenschaftliche Grundlagen, etwa bei Krankheiten wie ME/CFS oder Autismus
- verpflichtende Schulungen in respektvoller Kommunikation
- sowie eine Abkehr vom rein medizinischen Blick hin zu einem ganzheitlichen Ansatz
Auch das Hilfswerk sieht hier deutlichen Nachholbedarf.
Politik unter Druck
Die Kritik kommt nicht nur von Sozialorganisationen. Auch Arbeiterkammer, Behindertenrat, Volksanwaltschaft und Patientenanwälte haben zuletzt Reformen gefordert. Das Sozialministerium kündigte Gespräche an. Konkrete Maßnahmen sind bisher jedoch noch offen.
(fd/apa)