Österreichs Autoindustrie
Krise: 3.000 Jobs weg
(15.10.2026) Die Krise der Autoindustrie trifft Österreich immer härter: Innerhalb nur eines Jahres sind bei heimischen Autozulieferern rund 3.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Seit 2019 summiert sich der Jobabbau auf rund 8.000 Stellen. Gleichzeitig brechen die Umsätze ein, während hohe Energiekosten, schwache Nachfrage und der Umstieg auf Elektroautos die Unternehmen unter Druck setzen. Branchenvertreter warnen vor einer weiteren Schwächung des Industriestandorts Österreich und fordern ein Umdenken in der europäischen Autopolitik.
Schwache deutsche Autoindustrie trifft Österreich hart
Ein zentraler Grund für die Schwierigkeiten ist die starke Abhängigkeit von internationalen Autoherstellern.
Rund 94 Prozent des Umsatzes der österreichischen Zulieferindustrie werden mit Exporten erwirtschaftet. Der wichtigste Absatzmarkt ist mit großem Abstand Deutschland, gefolgt von China und den USA.
Wenn große Hersteller wie Volkswagen, BMW oder Mercedes-Benz weniger Fahrzeuge produzieren, Investitionen verschieben oder bei Zulieferern Einsparungen verlangen, können auch österreichische Unternehmen die Auswirkungen spüren.
Zusätzlichen Druck erzeugt der wachsende internationale Wettbewerb, insbesondere durch chinesische Autohersteller und Zulieferbetriebe.
Die Verschiebung von Marktanteilen nach China stellt traditionelle europäische Lieferketten vor große Herausforderungen.
3.000 Arbeitsplätze bei Österreichs Autozulieferern abgebaut
Die österreichische Automobil-Zulieferindustrie steckt weiterhin in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Das zeigen neue Zahlen der ARGE Automotive Zulieferindustrie, die am Mittwoch, dem 14. Oktober 2026, in Wien präsentiert wurden.
Im Jahr 2025 waren noch 73.900 Menschen in der Branche beschäftigt. Ein Jahr zuvor waren es 76.900 gewesen. Damit gingen innerhalb von zwölf Monaten 3.000 Arbeitsplätze verloren, was einem Rückgang von rund vier Prozent entspricht.
Werden auch Zeitarbeitskräfte berücksichtigt, fiel der Beschäftigungsrückgang mit 4,5 Prozent sogar noch stärker aus.
Dietmar Schäfer, Vorsitzender der ARGE Automotive Zulieferindustrie, warnte bei der Präsentation vor den langfristigen Folgen für Österreich. Schließlich gehe es nicht um einen kleinen Wirtschaftszweig, sondern um einen wesentlichen Teil der heimischen Industrie.
Seit 2019 fast jeder zehnte Arbeitsplatz verloren
Besonders deutlich wird die Entwicklung beim Vergleich mit den Beschäftigungszahlen vor Beginn der jüngsten Krisen.
Im Jahr 2019 beschäftigte die österreichische Autozulieferindustrie rund 81.700 Menschen. Bis Ende 2025 sank diese Zahl auf 73.900.
Damit verschwanden innerhalb von sechs Jahren rund 7.800 Arbeitsplätze, also beinahe jeder zehnte Job der Branche.
Eine nachhaltige Trendwende ist bislang nicht erkennbar. Zwar hat sich der Personalabbau zuletzt etwas abgeschwächt, doch die Unternehmen stehen weiterhin unter erheblichem Kostendruck.
Für Branchenvertreter steht deshalb die Frage im Mittelpunkt, wie viele industrielle Arbeitsplätze Österreich langfristig halten kann. Die Lage in Deutschland ist sogar noch schlimmer.
Umsatz bricht auf 26,87 Milliarden Euro ein
Nicht nur beim Personal, sondern auch beim Umsatz zeigen die aktuellen Zahlen eine deutliche Verschlechterung.
Die österreichischen Autozulieferer erwirtschafteten im Jahr 2025 einen Umsatz von 26,87 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang von 5,5 Prozent gegenüber 2024.
Bereits im Jahr davor hatte die Branche ein kräftiges Minus hinnehmen müssen. Damals sank der Umsatz um rund 9,2 Prozent auf 28,4 Milliarden Euro.
Besonders problematisch ist, dass die Unternehmen gleichzeitig erhebliche Summen in neue Technologien, Produktionsanlagen und die Entwicklung zukünftiger Fahrzeugkomponenten investieren müssen.
Herwig Schneider vom Industriewissenschaftlichen Institut (IWI) bezeichnete die wirtschaftliche Lage deshalb als weiterhin angespannt.
Elektroautos könnten bis zu 30 Prozent Wertschöpfung kosten
Besonders kritisch sehen die Branchenvertreter die rasche Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektroautos.
Zwar produzieren viele österreichische Zulieferer auch Fahrwerksteile, Elektronik, Sicherheitssysteme und zahlreiche Komponenten, die unabhängig von der Antriebsart benötigt werden. Dennoch verändert die Elektromobilität den Bedarf an bestimmten Bauteilen grundlegend.
Ein Elektromotor benötigt deutlich weniger mechanische Komponenten als ein klassischer Verbrennungsmotor mit Getriebe und komplexem Antriebsstrang.
Nach Einschätzung der ARGE Automotive könnte eine umfassende Elektrifizierung deshalb in bestimmten Bereichen bis zu 30 Prozent der bisherigen industriellen Wertschöpfung kosten.
Diese Zahl beschreibt ein mögliches wirtschaftliches Risiko und keinen bereits eingetretenen Verlust. Gleichzeitig entstehen durch Batterietechnologie, Leistungselektronik und neue Fahrzeugsoftware zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten.
Autozulieferer fordern Umdenken beim Verbrenner-Aus
Angesichts der schwierigen Lage fordert die Branche eine technologieoffene europäische Verkehrspolitik.
ARGE-Vorsitzender Dietmar Schäfer spricht sich gegen starre politische Vorgaben aus, die bestimmte Antriebstechnologien bevorzugen oder ausschließen.
Aus Sicht der Zulieferer sollten neben batterieelektrischen Autos auch andere technische Lösungen weiterhin eine Rolle spielen können, sofern sie die geltenden Klimaziele erfüllen.
Die Unternehmen verlangen deshalb Technologieoffenheit statt eines pauschalen Verbrennerverbots.
Der Hintergrund: Nach der derzeitigen EU-Regelung sollen neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ab 2035 grundsätzlich keine CO₂-Emissionen am Auspuff mehr verursachen. Über mögliche Anpassungen und Ausnahmen wird auf europäischer Ebene diskutiert.
Hohe Energiepreise und Lohnnebenkosten
Neben dem Wandel der Antriebstechnologien machen die Zulieferer vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Österreich für den zunehmenden Druck verantwortlich.
Die Branche fordert niedrigere Energiepreise, geringere Lohnnebenkosten und steuerliche Entlastungen. Auch bürokratische Verpflichtungen und umfangreiche Berichtspflichten sollten reduziert werden.
Aus Sicht der Unternehmen sind diese Kosten entscheidend dafür, ob neue Produktionsanlagen und Forschungsprojekte künftig in Österreich oder an anderen internationalen Standorten entstehen.
Schäfer betont deshalb, dass die industrielle Wettbewerbsfähigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt der österreichischen Wirtschaftspolitik rücken müsse.
Europas Autohersteller investieren deutlich weniger
Auch bei den Investitionen der europäischen Fahrzeughersteller zeigt sich eine bedenkliche Entwicklung.
Nach Angaben des Kreditversicherers Acredia gingen die Investitionen der Autohersteller in Europa 2026 um rund 20 Prozent zurück. Das wäre der stärkste Rückgang seit 2018.
Gleichzeitig lag die Wertschöpfung großer deutscher Autohersteller je verkauftem Fahrzeug im ersten Halbjahr in Europa 30 bis 45 Prozent unter dem Niveau von 2021 und 2022.
Diese Entwicklung setzt auch die Zulieferer unter Druck, weil weniger neue Fahrzeugprojekte und Produktionsaufträge vergeben werden könnten.
Gibt es Hoffnung auf eine Erholung der Autoindustrie?
Trotz der schlechten Beschäftigungs- und Umsatzzahlen gibt es erste vorsichtig positive Signale.
Laut dem aktuellen WIFO-Konjunkturtest hat sich die Produktion der österreichischen Autozulieferer zuletzt wieder über ihren langjährigen Durchschnitt verbessert.
Auch die Auftragsbestände sind in den vergangenen Monaten gestiegen, liegen jedoch weiterhin unter dem langfristigen Mittelwert.
Bei der Beschäftigungsentwicklung zeigte sich im Juni und Juli zunächst eine leichte Aufhellung. Im August verschlechterte sich die Stimmung allerdings wieder.
Damit bleibt die Prognose für die kommenden Monate unsicher. Eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung ist aus den aktuellen Daten noch nicht abzuleiten.
Österreichs Autoindustrie kämpft um ihre Zukunft
Die österreichische Autozulieferindustrie umfasst rund 900 Unternehmen, die für internationale Fahrzeughersteller und andere Industriebetriebe produzieren.
Die Branche ist eng mit der Metallindustrie, Elektrotechnik, Kunststoffverarbeitung und Forschung verbunden. Deshalb können sich wirtschaftliche Schwierigkeiten weit über die unmittelbar betroffenen Betriebe hinaus auswirken.
Seit 2019 sind rund 8.000 direkte Arbeitsplätze verloren gegangen, allein 2025 waren es 3.000. Gleichzeitig ist der Branchenumsatz erneut deutlich gesunken.
Die Unternehmen fordern nun bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen und eine offenere Technologiepolitik, um Produktion und Beschäftigung in Österreich halten zu können.
(fd/apa)