Doch kein Verbrenner aus?

Neuer Deal für Autos nach 2035

(07.10.2026) Beim geplanten Verbrenner-Aus in der EU zeichnet sich eine grundlegende Kehrtwende ab. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben sich nach übereinstimmenden Medienberichten auf eine gemeinsame Position verständigt, mit der die CO2-Vorgaben für Neuwagen ab 2035 deutlich stärker gelockert werden sollen als bislang von der EU-Kommission vorgesehen. Für Autofahrer und Hersteller könnte das bedeuten: Benziner, Diesel und Hybridfahrzeuge könnten auch nach 2035 in deutlich größerer Zahl neu zugelassen werden. Beschlossen ist der Plan allerdings noch nicht.

Merz und Macron einigen sich auf Auto-Deal

Das Handelsblatt berichtet unter Berufung auf drei mit den Verhandlungen vertraute Personen, Deutschland und Frankreich hätten sich auf die Grundzüge eines gemeinsamen Plans verständigt. Auch andere Medien berichten unter Berufung auf Handelsblatt und FAZ über die Annäherung zwischen Berlin und Paris. Einzelheiten werden demnach noch verhandelt. Merz und Macron wollen ihre gemeinsame Position voraussichtlich im Umfeld des kommenden EU-Gipfels präsentieren.

Die Einigung ist politisch besonders wichtig, weil Deutschland und Frankreich bei der Reform bisher unterschiedliche Interessen verfolgten. Frankreich stand einer weiteren Lockerung der CO2-Ziele skeptischer gegenüber. Mit einem Kurswechsel von Paris könnten sich die Mehrheitsverhältnisse im EU-Rat entscheidend verändern.

Heute gilt ab 2035 eigentlich ein 100-Prozent-Ziel

Nach der derzeit geltenden EU-Verordnung müssen die durchschnittlichen CO2-Emissionen neuer Pkw und leichter Nutzfahrzeuge ab 2035 um 100 Prozent gegenüber dem Referenzniveau sinken. Umgangssprachlich wird diese Regel als „Verbrenner-Aus“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um einen Flottengrenzwert für Hersteller und nicht um ein Fahrverbot für bereits zugelassene Benzin- oder Dieselautos.

Die EU-Kommission hatte diese Vorgabe bereits Ende 2025 zur Lockerung vorgeschlagen. Statt 100 Prozent sollten Hersteller ab 2035 nur noch eine 90-prozentige Reduktion der Auspuffemissionen erreichen müssen. Die verbleibenden zehn Prozent sollten allerdings durch Maßnahmen wie CO2-armen Stahl aus Europa, E-Fuels oder Biokraftstoffe kompensiert werden.

Damit wären nach den bisherigen Brüsseler Plänen auch Plug-in-Hybride, Range Extender, Mild-Hybride und klassische Verbrennungsmotoren nach 2035 grundsätzlich weiter möglich. Die EU-Kommission geht davon aus, dass unter ihrem Vorschlag rund 27 bis 29 Prozent der Neuzulassungen nach 2035 noch einen Verbrennungsmotor besitzen könnten.

Neuer Merz-Macron-Plan geht noch deutlich weiter

Genau an diesem Punkt wollen Merz und Macron laut den aktuellen Berichten noch einmal nachlegen. Deutschland und Frankreich sollen eine zusätzliche Lockerung um zehn Prozentpunkte ohne Kompensationspflicht anstreben. Zusammen mit den bereits vorgesehenen Kompensationsmöglichkeiten könnte die CO2-Anforderung damit rechnerisch auf mindestens 80 Prozent Reduktion sinken.

Das bedeutet nicht automatisch, dass künftig exakt 20 Prozent aller Neuwagen klassische Benziner oder Diesel sein dürften. Entscheidend ist der durchschnittliche CO2-Flottenwert eines Herstellers. Elektroautos mit null lokalen Emissionen können dabei höhere Emissionen anderer Fahrzeuge innerhalb der Flotte ausgleichen. Deshalb könnte der tatsächliche Anteil von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor deutlich höher liegen.

Wie viele Benziner und Diesel nach 2035 tatsächlich neu verkauft werden könnten, lässt sich anhand des neuen deutsch-französischen Vorstoßes derzeit noch nicht seriös beziffern. Klar ist aber: Der Spielraum wäre größer als bei dem bisherigen 90-Prozent-Vorschlag der Kommission.

Auch das CO2-Ziel für 2030 soll flexibler werden

Merz und Macron wollen offenbar auch beim wichtigen Zwischenziel für 2030 nachbessern. Nach geltendem Recht müssen die CO2-Emissionen neuer Pkw bis 2030 gegenüber 2021 um 55 Prozent sinken. Die Kommission hatte vorgeschlagen, Herstellern einen mehrjährigen Zeitraum zum Erreichen des Ziels einzuräumen.

Der deutsch-französische Plan soll diesen Zeitraum laut den aktuellen Berichten noch stärker ausweiten: Statt über drei Jahre könnten die Hersteller ihre Zielerreichung über fünf Jahre von 2028 bis 2032 verrechnen. Dadurch könnten schwächere Jahre durch bessere Ergebnisse in anderen Jahren ausgeglichen werden. Für Autohersteller könnte dies das Risiko hoher CO2-Strafzahlungen deutlich verringern.

Frankreich bekommt strengere „Made in EU“-Regeln

Der Verbrenner-Kompromiss ist offenbar Teil eines größeren politischen Deals. Frankreich verlangt seit längerem strengere europäische Produktionsvorgaben. Staatliche Förderungen und bestimmte öffentliche Programme sollen stärker davon abhängig gemacht werden, dass Autos und wichtige Komponenten tatsächlich in Europa produziert werden.

Deutschland hatte solche „Buy European“ beziehungsweise „Made in Europe“-Regeln bislang offener gestalten wollen und auch enge Handelspartner wie die Türkei, Marokko oder Vietnam einbeziehen wollen. Nun soll Berlin bereit sein, Frankreich bei strengeren europäischen Herkunftsvorgaben entgegenzukommen. Für Großbritannien könnte laut aktuellen Berichten eine Ausnahme diskutiert werden.

Damit lautet der politische Tausch vereinfacht: Frankreich unterstützt Deutschland bei einer stärkeren Lockerung der CO2-Regeln – Deutschland unterstützt Frankreich bei strengeren europäischen Produktionsvorgaben.

Verbrenner-Aus noch nicht ganz vom Tisch

Trotz der weitreichenden Pläne gilt deshalb derzeit weiterhin: Das Verbrenner-Aus 2035 ist rechtlich noch nicht gekippt. Die aktuell gültige EU-Regel sieht weiterhin eine 100-prozentige CO2-Reduktion für neue Pkw und Transporter ab 2035 vor. Selbst der bereits vorliegende 90-Prozent-Vorschlag der EU-Kommission muss noch durch das Gesetzgebungsverfahren.

Das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten müssen einer Änderung zustimmen. Im Rat ist eine qualifizierte Mehrheit erforderlich, also mindestens 15 Staaten, die zusammen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten. Eine ursprünglich für Anfang Oktober vorgesehene wichtige Ausschussentscheidung zum Auto-Paket wurde verschoben; die weitere parlamentarische Behandlung wird derzeit vorbereitet.

Sollte sich die deutsch-französische Linie durchsetzen, wäre das dennoch eine der größten Änderungen der europäischen Autopolitik seit Einführung des 2035-Ziels: Neue Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor könnten auch nach 2035 einen deutlich größeren Platz auf Europas Straßen behalten als ursprünglich vorgesehen.

(fd)

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