EU-Milliarden für die Ukraine
Russland greift Stromnetz an
(04.11.2026) Während Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung massiv verstärkt, bereitet die Europäische Union weitere Milliardenhilfen für die Ukraine vor. Im Zentrum steht ein bereits beschlossenes EU-Darlehen über insgesamt 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027. 19,8 Milliarden Euro davon wurden bisher ausbezahlt. Gleichzeitig liegen für den Rest des Jahres noch fast 30 Milliarden Euro an möglicher Unterstützung bereit. Für 2027 sollen weitere 45 Milliarden Euro folgen.
Russland greift Kraftwerke und Stromnetz massiv an
Die finanzielle Unterstützung kommt in einer Phase, in der Russland erneut versucht, die ukrainische Energieversorgung vor dem Winter zu schwächen. Bei der bislang größten Angriffswelle auf die Energieinfrastruktur in diesem Jahr wurden Anfang November Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen in zahlreichen Regionen getroffen.
Nach Angaben des ukrainischen Netzbetreibers Ukrenergo wurden binnen 24 Stunden mehr als 20 Energieanlagen angegriffen. Drei Kraftwerke mussten nach den Angriffen zeitweise den Betrieb einstellen. In Kiew und anderen Regionen kam es zu Notabschaltungen sowie Ausfällen der Wasser- und Stromversorgung. Auch eine für das Atomkraftwerk Chmelnyzkyj wichtige Umspannstation wurde nach ukrainischen Angaben mit Drohnen angegriffen.
Krieg trifft inzwischen auch Online-Handel und Logistik
Gleichzeitig greift die Ukraine zunehmend Ziele tief im russischen Hinterland an. In der Nacht auf 4. November traf eine Drohne ein großes Logistikzentrum des russischen Online-Händlers Ozon in Adygeja im Süden Russlands. Das Unternehmen ließ Mitarbeiter evakuieren, bei dem Angriff wurde nach bisherigen Angaben niemand verletzt. Im Gebäude brach jedoch ein Feuer aus, Teile des Betriebs wurden eingestellt und Bestellungen mussten umgeleitet oder storniert werden.
Ozon und sein Konkurrent Wildberries waren bereits zuvor wiederholt Ziel von Drohnenangriffen geworden. Die Ukraine begründet solche Angriffe auf Logistik- und Wirtschaftsinfrastruktur damit, Russlands Fähigkeit zur Fortsetzung des Krieges schwächen zu wollen. Die Angriffe treffen allerdings zunehmend auch Warenlager, Händler und Lieferketten abseits klassischer militärischer Ziele.
EU hat 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027 vorgesehen
Die EU hatte im April das sogenannte Ukraine Support Loan endgültig auf den Weg gebracht. Insgesamt können darüber 90 Milliarden Euro bereitgestellt werden.
Davon sind nach der derzeitigen Aufteilung ungefähr:
- 60 Milliarden Euro für Verteidigung und die ukrainische Rüstungsindustrie
- 30 Milliarden Euro für Haushalt, Wirtschaft und öffentliche Dienstleistungen
Das Geld soll unter anderem dafür sorgen, dass der ukrainische Staat trotz Krieg weiterhin Pensionen und Gehälter zahlen, Schulen und Krankenhäuser betreiben sowie Verteidigungsgüter beschaffen kann.
19,8 Milliarden Euro wurden bereits ausbezahlt
Vom 90-Milliarden-Euro-Paket sind laut EU aktuell 19,8 Milliarden Euro tatsächlich geflossen.
Davon gingen:
- 15,8 Milliarden Euro in Verteidigungsbeschaffung
- 3,2 Milliarden Euro in makrofinanzielle Unterstützung
- 800 Millionen Euro über die Ukraine-Fazilität
Zu den zuletzt finanzierten Rüstungsgütern gehören unter anderem Drohnen, Raketen, Luftabwehrsysteme, Radare, elektronische Kampfführung und Munition.
Fast 30 Milliarden Euro könnten 2026 noch folgen
Für den Rest des Jahres sind nach Angaben der Europäischen Kommission noch 29,64 Milliarden Euro an Unterstützung verfügbar.
Davon entfallen rund 25,24 Milliarden Euro auf das neue Ukraine-Darlehen. Darin enthalten sind etwa 12,54 Milliarden Euro für Verteidigungsindustrie sowie 12,7 Milliarden Euro Budgethilfe.
Weitere rund 4,4 Milliarden Euro stehen über die ursprüngliche Ukraine-Fazilität zur Verfügung. Die Auszahlung erfolgt allerdings nicht automatisch: Insbesondere Budgethilfen sind an vereinbarte Reformen und Bedingungen geknüpft.
EU bereitet weitere 45 Milliarden Euro für 2027 vor
Parallel laufen bereits die Vorbereitungen für das kommende Jahr. Die EU-Kommission hat dem Rat vorgeschlagen, die zweite Hälfte des 90-Milliarden-Pakets freizugeben.
Für 2027 sind weitere 45 Milliarden Euro vorgesehen:
- 31,7 Milliarden Euro für Verteidigung
- 13,3 Milliarden Euro als Budgethilfe
Der Rat muss diese Verteilung noch beschließen. Danach könnten die ersten Zahlungen Anfang 2027 erfolgen.
Zahlungen sind an Reformen gebunden
Bei den Budgethilfen verlangt die EU von der Ukraine weiterhin Fortschritte unter anderem bei Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung, Verwaltung und wirtschaftlicher Stabilität.
Die Gelder werden deshalb in mehreren Tranchen ausbezahlt. Vor jeder größeren Zahlung prüft die Europäische Kommission, ob die vereinbarten Bedingungen ausreichend erfüllt wurden.
Wer zahlt die 90 Milliarden Euro?
Bei dem 90-Milliarden-Paket handelt es sich nicht einfach um einen Zuschuss. Die EU nimmt das Geld auf den Kapitalmärkten auf, wobei der EU-Haushalt als Absicherung dient.
Nach der derzeitigen Konstruktion soll das Darlehen später durch Kriegsreparationen Russlands an die Ukraine zurückgezahlt werden. Wann und ob solche Reparationen tatsächlich in ausreichender Höhe fließen, hängt allerdings vom weiteren Verlauf des Krieges und zukünftigen politischen beziehungsweise rechtlichen Entscheidungen ab.
Zusätzlich 4,9 Milliarden Euro für militärische Unterstützung
Ende Oktober mobilisierte der EU-Rat außerdem weitere 4,9 Milliarden Euro über die Europäische Friedensfazilität.
Davon sind allerdings rund 4,7 Milliarden Euro für die teilweise Rückerstattung bereits geleisteter Militärhilfe an EU-Mitgliedstaaten vorgesehen. Weitere 230 Millionen Euro gehen an die europäische Ausbildungsmission für ukrainische Soldaten. Das Geld ist daher nicht mit einer zusätzlichen direkten 4,9-Milliarden-Euro-Überweisung nach Kiew gleichzusetzen.
Mehr als 230 Milliarden Euro seit Beginn des Krieges
EU und Mitgliedstaaten beziffern ihre gesamte Unterstützung für die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges inzwischen auf rund 231,6 Milliarden Euro.
Darin stecken allerdings sehr unterschiedliche Ausgaben: direkte Finanzhilfe, Kredite, Militärhilfe, humanitäre Unterstützung, Einnahmen aus eingefrorenem russischem Vermögen sowie Kosten für ukrainische Flüchtlinge innerhalb der EU. Die Summe bedeutet deshalb nicht, dass 231 Milliarden Euro direkt an die ukrainische Regierung überwiesen wurden.
Während Russland versucht, Stromversorgung, Industrie und Infrastruktur der Ukraine weiter zu schwächen, greift die Ukraine ihrerseits zunehmend russische Energie-, Industrie- und Logistikziele an. Genau deshalb dürfte die Finanzierung des Krieges auch 2027 eines der größten Ausgaben- und Streitthemen innerhalb der Europäischen Union bleiben.
(fd/apa)