Gisele Pelicot
„Eine Hymne an das Leben“
(17.02.2026) Zum einen ist Gisele Pelicot eine Frau, die von ihrem Mann sediert, vergewaltigt und fremden Männern zur Vergewaltigung „zur Verfügung gestellt“ wurde. Zum anderen ist sie eine Frau, die durch diese Gräueltaten und ihren öffentlichen Prozess nicht nur zu einer Gallionsfigur im Kampf gegen Gewalt an Frauen wurde, sondern auch als willensstarke und unermüdliche Person in Geschichtsbüchern stehen wird. Ihre eigene Geschichte hat sie nun niedergeschrieben. „Eine Hymne an das Leben“ beschreibt nicht nur jene Gewalttaten und ihre Gefühlslage darüber, die ihr über 10 Jahre hinweg widerfahren sind, sondern auch wie durch diese Geschehnisse manche Schwächen zu ihren Stärken wurden.
Pelicot beginnt in ihren Memoiren mit jenem Tag im Jahr 2020, als sie ihren Mann zu einer polizeilichen Vorladung begleitete. Ein Tag, der im Nachhinein alles aus ihrem Leben über Bord geworfen hat. Ihr Mann hatte damals einigen Frauen in einem Kaufhaus unter den Rock gefilmt und war dabei erwischt worden. Als sich dann herausstellte, dass dies nicht sein einziges Vergehen war, sei Pelicots Leben förmlich zerberstet.
Ihrem Mann wurden bereits zuvor einige Datenträger mit Fotos und Videos abgenommen. Auf diesen Fotos und Videos war Pelicot selbst zu sehen: betäubt und vergewaltigt von fremden Männern (über 50, was sich später herausstellen sollte) und das in ihrem eigenen Schlafzimmer. Die eigenen vier Wände sollten eigentlich der sicherste Ort eines Menschen sein. Für Gisele Pelicot war ihr Schlafzimmer über 10 Jahre hinweg der Ort von unvorstellbaren Gewalttaten, nur dass sie bis dato gar nichts davon gewusst hatte. Organisiert wurden diese Verbrechen von ihrem eigenen Ehemann, mit dem sie bereits 3 Kinder und mehrere Enkel bekommen hatte.
Zusammensetzen von Puzzlestücken
Im Laufe der Ermittlungen machte alles langsam Sinn: Ihre geistigen Aussetzer, weswegen sie bereits unzählige Arztbesuche hatte, waren auf die Betäubungsmittel zurückzuführen. Bei den jahrelangen Arztbesuchen habe ihr heutiger Exmann sie stehts begleitet, einmal sogar mit der zynischen Frage, ob ihre Unterleibsschmerzen auf eine geheime Affäre zurückzuführen seien. „Ich erkannte mein Leben nicht wieder, wenn es andere zusammenfassten“, beschreibt sie in ihrem Buch. Aus Ermittlungsakten musste die Französin nun erfahren, dass sie parallel zu Familienurlauben, Feiertagen und schönen Erlebnissen Opfer ihres eigenen Ehemannes wurde.
Die Öffentlichkeit als Stütze
Für sie war ein öffentlicher Prozess lange undenkbar. Zu groß war die Scham einer „gutgläubigen Idiotin, die sich manipulieren lassen hatte“. Um ihrer eigenen psychischen Gesundheit halber, wollte sie den Prozess privat halten. Doch dann erkannte sie, dass eine verschlossene Saaltür nur die Täter schützen würde. So entschied sie sich dafür, dass die Scham die Seite wechseln müsse, ein Gedanke der später der Untertitel ihres Buches wurde.
Der Prozess selbst war für Pelicot erneut ein Schlag ins Gesicht. Man stellte ihr nach, sie habe „mitgespielt“ und hätte bei den jahrelangen Gewalttaten freiwillig mitgemacht. Für Pelicot war klar, dass das nicht nur gegen sie, sondern gegen alle Frauen und deren Integrität ging. Mut fasst sie vor allem dank der vielen jungen und älteren Frauen, die für Pelicot demonstrierten. „Diese Menschenmenge war meine Rettung“, schreibt sie in ihrem Buch.
Durch oder gerade wegen ihrer Standhaftigkeit in diesem Prozess ist die Französin das Symbol für Feminismus. Selbst sieht sich Pelicot trotzdem als gewöhnliche Bürgerin. Dank ihrer mutigen Entscheidung hat die Scham wirklich die Seite gewechselt. Gisele Pelicot sei durch diese Gewalttaten nicht gestorben. Ganz im Gegenteil, sie sei sogar noch in der Lage zu vertrauen. Was einst eine ihrer großen Schwächen war, ist nun eine ihrer großen Stärken und letztendlich auch ihr Sieg. Ein Sieg, den ihr niemand mehr nehmen kann.
(hb/apa)