Proteste für Rojava

Sorge um Kurdenregion

Solidarität mit Rojava wächst: Proteste in Wien und weltweit

(31.01.2026) Menschen stehen in der Kälte. Manche seit Stunden. Fahnen in den Händen, Stimmen heiser, Wut und Angst liegen in der Luft. In Wien, Graz und anderen österreichischen Städten gehen derzeit Hunderte bis Tausende Menschen auf die Straße, weil sie überzeugt sind, dass sich im Nordosten Syriens gerade etwas vollzieht, das still und nahezu unbeachtet Geschichte schreiben könnte.

Was sie antreibt, ist nicht nur Solidarität mit einer fernen Region. Es ist die Überzeugung, dass in Rojava ein politisches Projekt ausgelöscht wird, das für viele mehr war als ein geografischer Ort. Rojava galt als Symbol dafür, dass nach Bürgerkrieg, Terror und dem sogenannten Islamischen Staat etwas anderes möglich sein kann. Dieses Symbol steht nun erneut unter massivem Druck.

Zeitgleich protestieren Menschen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Norwegen und Kanada. Überall ist der Tenor ähnlich. Wenn Rojava fällt, dann fällt mehr als ein Stück Land.

Machtwechsel in Damaskus und seine Folgen

Der Wendepunkt kam mit dem Machtwechsel in Damaskus. Nach dem Sturz von Baschar al Assad wird Syrien nun von einer sogenannten Übergangsregierung geführt. An ihrer Spitze steht Ahmed al Sharaa, der international lange unter seinem früheren Kampfnamen Abu Mohammed al Julani bekannt war.

Al Sharaa war über Jahre eine zentrale Figur der islamistischen Miliz Jabhat al Nusra, dem syrischen Ableger von al Qaida, und später Anführer der Organisation Hayat Tahrir al Sham. Noch vor wenigen Jahren stand er auf internationalen Fahndungslisten, auf ihn war ein Kopfgeld ausgesetzt. Heute tritt er als Staatsmann auf, spricht von Ordnung, Stabilität und nationaler Einheit.

Kritiker sehen darin keinen grundlegenden ideologischen Wandel, sondern vor allem eine neue politische Verpackung. Die Machtbasis der neuen Führung stützt sich weiterhin auf bewaffnete, islamistisch geprägte Netzwerke. Das erklärte Ziel der Übergangsregierung ist die vollständige Kontrolle über das gesamte syrische Staatsgebiet. Autonome Strukturen gelten dabei nicht als Teil einer Lösung, sondern als Hindernis.

Warum Rojava ins Visier gerät

Rojava war über mehr als ein Jahrzehnt eine politische Ausnahme in Syrien. Die Autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien setzte auf säkulare Strukturen, lokale Räte, multiethnische Teilhabe und eine zentrale Rolle von Frauen in Politik und Verteidigung. Militärisch abgesichert wurde dieses Modell durch die Syrischen Demokratischen Kräfte, ein Bündnis aus kurdischen, arabischen und assyrischen Einheiten.

Diese Kräfte waren die wichtigsten Bodenkämpfer der internationalen Koalition gegen den sogenannten Islamischen Staat. Tausende ihrer Kämpferinnen und Kämpfer starben im Kampf gegen den IS, auch im Namen westlicher Sicherheit.

Genau dieses Modell steht nun unter Beschuss. Seit Wochen rücken Kräfte der Übergangsregierung gemeinsam mit verbündeten Milizen in ehemals autonom verwaltete Gebiete vor. Verwaltungszentren werden übernommen, lokale Räte aufgelöst, Sicherheitsstrukturen entwaffnet oder in staatliche Systeme gedrängt. Ein Waffenstillstand existiert offiziell, doch vor Ort sprechen Beobachter von einer schrittweisen Übernahme.

Kobane erneut unter Druck

Besonders symbolträchtig ist die aktuelle Lage in Kobane. Die Stadt galt 2014 als das Stalingrad im Kampf gegen den Islamischen Staat. Wochenlang hielten kurdische Kräfte dem IS stand, während die Welt zusah. Der Sieg von Kobane wurde zum Wendepunkt im Kampf gegen den Terror.

Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, ist Kobane erneut umzingelt. Versorgungswege sind eingeschränkt, Strom und Wasser fallen aus, medizinische Hilfe ist knapp. Für viele Menschen ist das mehr als eine militärische Entwicklung. Es ist ein bitteres Zeichen dafür, dass eine Stadt, die einst den IS stoppte, nun wieder dem Untergang nahekommt, diesmal fast ohne internationale Aufmerksamkeit.

Wer unterstützt wen und wer schweigt?

Eine Schlüsselrolle spielt die Türkei. Ankara betrachtet die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte als sicherheitspolitische Bedrohung und wirft ihnen Nähe zur PKK vor. Ein autonomes kurdisches Gebiet entlang der türkischen Südgrenze lehnt die Regierung strikt ab. In diesem Kontext gelten die neuen Machthaber in Damaskus als politisch akzeptabel, da sie dasselbe Ziel verfolgen, nämlich die Zerschlagung kurdischer Selbstverwaltung.

Die Übergangsregierung wird inzwischen von einem Großteil der internationalen Akteure faktisch akzeptiert. Zwar bleibt ihre politische Herkunft umstritten, doch diplomatisch gilt sie längst als neue Realität. Staaten und internationale Organisationen haben sich auf Zusammenarbeit und Stabilisierung eingestellt. Diese Akzeptanz verschafft der neuen Führung erheblichen Handlungsspielraum und ermöglicht es ihr, militärisch und politisch Fakten zu schaffen.

Dem gegenüber steht der Rückzug der USA. Jahrelang waren die Syrischen Demokratischen Kräfte der wichtigste Verbündete Washingtons im Kampf gegen den IS. Heute drängt die US-Diplomatie auf politische Integration statt Schutz. Konkrete Sicherheitsgarantien für Autonomie oder Minderheiten existieren nicht. Für viele Kurden fühlt sich dieser Kurs wie ein Verrat an.

Das Video des Zopfes als weltweites Symbol

Ein Video brachte diese Angst auf einen Punkt. Es zeigt einen bewaffneten Milizionär, der einen abgeschnittenen geflochtenen Haarzopf in die Kamera hält. In dem Video wird behauptet, es handle sich um den Zopf einer getöteten kurdischen Kämpferin. Unabhängige Bestätigungen dafür gibt es nicht, doch die Wirkung ist real.

In der kurdischen Kultur steht geflochtenes Haar für Identität, Würde und Geschichte. Das Bild wurde weltweit geteilt und verstanden als Drohung und als gezielte Demütigung. In Reaktion darauf trugen Menschen auf Demonstrationen geflochtene Haare. Auch Politikerinnen und Aktivistinnen auf internationaler Ebene, unter anderem im Umfeld der Vereinten Nationen, griffen dieses Symbol öffentlich auf.

Warum Menschen in Österreich auf die Straße gehen

Viele der Protestierenden sagen, es gehe nicht mehr um diplomatische Feinheiten. Es gehe um Glaubwürdigkeit. Wer jahrelang mit den Kurden gegen den IS kämpfte, könne sie jetzt nicht fallen lassen. Wer Extremismus bekämpfen wolle, dürfe ihn nicht politisch neu verpacken und akzeptieren.

Rojava ist für sie ein Prüfstein. Verschwindet dieses Projekt, dann nicht in einer großen Schlacht, sondern leise, Schritt für Schritt, unter dem Deckmantel von Stabilität.

Ein Moment, der entscheidet

Was sich derzeit in Nord und Ostsyrien abspielt, ist mehr als eine regionale Machtverschiebung. Es ist die Frage, welche Art von Ordnung nach Krieg und Terror akzeptiert wird. Eine Ordnung, die Vielfalt und Selbstverwaltung zulässt, oder eine Ordnung, die Einheit mit Waffen erzwingt.

Die Menschen, die in Österreich in der Kälte auf der Straße stehen, wollen verhindern, dass diese Entscheidung unbemerkt fällt.

(AA)

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