76 Milliarden für Pensionen
Wifo-Chef fordert Umbau
(20.10.2026) Österreichs Pensionssystem steht zunehmend unter Druck. Während der Staat jährlich Milliarden für Pensionen ausgibt und das Pensionsantrittsalter schrittweise steigt, fordert Wifo-Chef Gabriel Felbermayr jetzt einen grundlegenden Ausbau der privaten und betrieblichen Altersvorsorge. Das derzeitige System sei zu stark von der österreichischen Wirtschaft und der Entwicklung der Bevölkerung abhängig. Doch was würde eine solche Reform für die Pensionen der Zukunft bedeuten?
Wifo-Chef kritisiert Österreichs Pensionssystem
Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Finanzierung der österreichischen Pensionen. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag bezeichnete er das derzeitige Umlageverfahren als „ein radikal nicht diversifiziertes“ Modell.
Das Prinzip dahinter: Die heutigen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen Beiträge ein, mit denen die laufenden Pensionen finanziert werden. Wie gut das funktioniert, hängt unter anderem von der Wirtschaftsentwicklung, der Zahl der Beschäftigten, der Geburtenrate und der Zuwanderung ab.
Felbermayr fordert deshalb, die gesetzliche Pension stärker durch kapitalgedeckte Altersvorsorge zu ergänzen. Dabei wird Geld langfristig am Kapitalmarkt angelegt, statt ausschließlich zur Finanzierung aktueller Pensionen verwendet zu werden.
76 Milliarden Euro: Pensionen belasten Staatsfinanzen
Wie groß die finanzielle Dimension ist, zeigen die Zahlen für 2024. Die Ausgaben im öffentlichen Pensionssystem betrugen 76,2 Milliarden Euro. Die Gesamteinnahmen einschließlich staatlicher Zuschüsse lagen bei rund 76,8 Milliarden Euro.
Die steigenden Kosten sorgen auch in den kommenden Jahren für Druck auf das Budget. Allein für die Pensionsversicherung sind 2027 Bundesausgaben von 21,29 Milliarden Euro vorgesehen – knapp eine Milliarde Euro mehr als 2026. Für 2028 werden bereits 22,27 Milliarden Euro veranschlagt.
Wichtig dabei: Diese Bundesmittel sind Teil der Finanzierung des öffentlichen Pensionssystems und kommen nicht zusätzlich zu dessen gesamten Ausgaben dazu.
Pensionsantrittsalter steigt bereits
Für viele Österreicher ist die Pensionsreform schon heute spürbar. Männer können regulär mit 65 Jahren in Pension gehen. Bei Frauen wird das gesetzliche Antrittsalter seit 2024 schrittweise angehoben. Im Jahr 2027 liegt es für die betreffende Geburtsgruppe bei 62 Jahren. Bis 2033 steigt es auf 65 Jahre.
Auch die Korridorpension wird verschärft. Seit 2026 steigt das frühestmögliche Antrittsalter schrittweise von 62 auf 63 Jahre. Gleichzeitig werden mehr Versicherungsjahre verlangt. Die Änderungen sollen dazu beitragen, dass Menschen länger im Erwerbsleben bleiben und das Pensionssystem finanziell entlastet wird.
Eine zusätzliche Anhebung des allgemeinen Regelpensionsalters hat Felbermayr mit seinem aktuellen Vorschlag allerdings nicht gefordert.
Wifo sieht Chancen bei Aktien und Kapitalmarkt
Laut der neuen Wifo-Studie könnte eine breitere Aufstellung der Altersvorsorge langfristig Vorteile bringen. Studienautor Thomas Url verwies darauf, dass in der wissenschaftlichen Literatur für kapitalgedeckte Elemente teilweise Anteile zwischen 50 und 70 Prozent als günstig angesehen werden.
Felbermayr kritisiert außerdem, dass viele Österreicher ihr Vermögen überwiegend auf Sparbüchern, Girokonten oder in Immobilien halten. Seiner Einschätzung nach seien zahlreiche Haushalte „überinvestiert in Immobilien“.
Historisch erzielten Aktienveranlagungen laut Wifo zwischen 1958 und 2025 höhere Renditen als das österreichische Umlageverfahren. Allerdings sind Aktien mit Kursschwankungen und Verlustrisiken verbunden. Vergangene Erträge garantieren keine zukünftigen Gewinne.
Müssen Österreicher künftig selbst mehr vorsorgen?
Als mögliches Vorbild nennt Felbermayr Schweden. Dort wird die staatliche Pension durch kapitalgedeckte Elemente ergänzt. Zusätzlich gibt es Mechanismen, die das System an die demografische Entwicklung anpassen.
Auch der Versicherungsverband Österreich (VVO) spricht sich für einen stärkeren Ausbau der betrieblichen und privaten Vorsorge aus. Damit soll die Altersabsicherung unabhängiger von der heimischen Wirtschaftsentwicklung werden.
Für Arbeitnehmer stellt sich dabei eine entscheidende Frage: Woher soll das zusätzliche Geld für die Vorsorge kommen? Würde eine verpflichtende Kapitaldeckung eingeführt, müsste geklärt werden, ob dafür neue Beiträge notwendig wären oder bestehende Pensionsbeiträge anders verteilt würden.
Droht Österreich eine große Pensionsreform?
Die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS beschäftigt sich bereits mit der langfristigen Finanzierbarkeit der Pensionen. Der demografische Wandel und die steigenden Ausgaben bleiben zentrale Herausforderungen.
Felbermayrs Vorschlag ist allerdings noch kein beschlossener Regierungsplan. Weder eine allgemeine verpflichtende Aktienvorsorge noch neue Pensionskürzungen ergeben sich unmittelbar aus der Studie.
Die Diskussion zeigt aber, dass die Frage nach der Finanzierung der Pensionen immer dringlicher wird. Denn während die Menschen länger arbeiten sollen und der Staat höhere Zuschüsse leisten muss, bleibt offen, wie das österreichische Pensionssystem langfristig abgesichert werden kann.
(fd/apa)