Armut in Österreich

Hilfsorganisationen schlagen Alarm

(16.10.2026) Mehr als 18 Prozent der Menschen in Österreich sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Vor dem Internationalen Tag gegen Armut am 17. Oktober schlagen zahlreiche Hilfsorganisationen Alarm. Sie warnen vor Einschnitten bei der Sozialhilfe und fordern die Bundesregierung zum Handeln auf. Besonders die steigende Kinderarmut sorgt für Kritik.

Organisationen warnen vor Sozialhilfe-Reform

Vor dem Internationalen Tag zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober wächst der Druck auf die österreichische Bundesregierung. Organisationen wie Caritas, Armutskonferenz, Amnesty International und Bundesjugendvertretung fordern wirksamere Maßnahmen gegen Armut und warnen vor möglichen Kürzungen im Sozialsystem.

Im Mittelpunkt steht die geplante Sozialhilfe-Reform, die im Jänner 2027 in Kraft treten soll. Die Hilfsorganisationen befürchten, dass Menschen mit geringem Einkommen künftig noch weniger finanzielle Unterstützung erhalten könnten.

„Wer wenig hat, dem soll man nicht das Letzte nehmen“

Die Armutskonferenz richtet einen dringenden Appell an Bund und Länder, das soziale Sicherheitsnetz nicht weiter zu schwächen. Sozialexperte Martin Schenk kritisiert insbesondere die Entwicklungen in der Steiermark und in Oberösterreich. Dort würden Änderungen bei der Sozialhilfe die Armut aus Sicht der Organisation verschärfen, statt sie zu bekämpfen.

Schenk betont, Armut sei kein unvermeidbares Schicksal, sondern werde durch politische Entscheidungen beeinflusst. Wenn Sparmaßnahmen ärmere Menschen stärker belasten als Wohlhabende, trage die Politik zur Verschärfung der Armut bei. Die Bundesländer müssten deshalb den Wettbewerb um immer strengere Sozialleistungen beenden.

ÖGB reagiert auf Kritik und fordert Mindestsicherung

Die Armutskonferenz nahm auch die Sozialpartner in die Pflicht und warnte davor, Menschen in schwierigen Lebenssituationen gegeneinander auszuspielen. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) wies diese Kritik zurück.

Wer soziale Ungleichheit bekämpfen wolle, müsse bei den Ursachen ansetzen: niedrigen Löhnen, unsicheren Arbeitsplätzen, hohen Wohnkosten und mangelnder sozialer Absicherung. Der ÖGB setze sich deshalb für eine bundesweit einheitliche, existenzsichernde Mindestsicherung mit verbindlichen Mindestbeträgen statt bloßen Höchstgrenzen ein.

Caritas warnt: Kürzungen könnten Armut weiter verschärfen

Auch die Caritas Österreich fordert, dass die Bekämpfung von Armut im Mittelpunkt der geplanten Reform stehen müsse. Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler bezeichnet die Sozialhilfe als letztes finanzielles Auffangnetz für Menschen in Not.

Wer glaube, mit Kürzungen bei der Sozialhilfe das Staatsbudget sanieren zu können, liege falsch. Nach Einschätzung der Caritas würden solche Einsparungen langfristig höhere gesellschaftliche Folgekosten verursachen. Die bestehenden Sozialhilfe-Richtsätze dürften daher keinesfalls weiter unterschritten werden.

Kinderarmut: Mehr als jedes fünfte Kind betroffen

Besonders besorgniserregend ist die Situation von Kindern und Jugendlichen. Laut Bundesjugendvertretung (BJV) ist mittlerweile mehr als jedes fünfte Kind in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Die Organisation fordert deshalb die Einführung einer Kindergrundsicherung, die auch im Regierungsprogramm vorgesehen ist. In den bisherigen Plänen zur Sozialhilfe-Reform sei diese Maßnahme allerdings nicht enthalten.

BJV-Vorsitzender Ahmed Naief kritisiert das scharf. Armut in der Kindheit habe nicht nur unmittelbare finanzielle Folgen, sondern verschlechtere auch langfristig die Bildungs- und Zukunftschancen. Die Bundesregierung habe sich vorgenommen, die Kinderarmut bis 2030 zu halbieren und müsse dieses Ziel nun konsequent verfolgen.

Amnesty International: Über 18 Prozent von Armut bedroht

Auch Amnesty International Österreich sieht dringenden Handlungsbedarf. Laut Geschäftsführerin Shoura Hashemi waren im Jahr 2025 mehr als 18 Prozent der österreichischen Bevölkerung armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Besonders kritisch bewertet Amnesty die laufenden Diskussionen über mögliche Kürzungen bei der Sozialhilfe. Schon jetzt hätten zahlreiche Betroffene Schwierigkeiten, Miete, Heizung und Lebensmittel zu bezahlen. Weitere finanzielle Einschränkungen könnten ihre Situation erheblich verschlechtern.

Zudem warnt Amnesty vor einer diskutierten Integrationsphase für geflüchtete Menschen, durch die sich deren Zugang zu Sozialleistungen verschlechtern könnte.

Sozialhilfe-Reform 2027: Regierung steht unter Zeitdruck

Die Regierungsparteien ÖVP, SPÖ und NEOS müssen sich noch auf die konkrete Ausgestaltung der Sozialhilfe-Reform einigen. Da die neuen Bestimmungen bereits im Jänner 2027 gelten sollen, müssen die notwendigen Gesetzesentwürfe bald in Begutachtung geschickt werden.

Die Forderungen der Hilfsorganisationen sind deutlich: Keine weiteren Kürzungen bei existenzsichernden Leistungen, eine bundesweit verlässliche Mindestsicherung und wirksame Maßnahmen gegen Kinderarmut.

Ob die Bundesregierung diese Forderungen bei der Reform berücksichtigt, bleibt offen. Der Internationale Tag zur Beseitigung der Armut rückt die Debatte jedenfalls erneut in den Mittelpunkt der österreichischen Sozialpolitik.

(fd/apa)

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