Asyl:„ Arbeit ab Tag 1“
Mattle (ÖVP) fordert neuen Kurs
(06.11.2026) Asylwerber sollen in Österreich vom ersten Tag an arbeiten dürfen. Mit dieser Forderung sorgt Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) für Aufsehen – und geht damit bewusst auf Distanz zur Linie seiner eigenen Bundespartei. Gerade in Tirol mit Tausenden offenen Stellen könne es nicht sinnvoll sein, Menschen monatelang in der Grundversorgung zu halten, obwohl Betriebe dringend Arbeitskräfte suchen, argumentiert Mattle.
Mattle fordert Öffnung des Arbeitsmarktes
„Wer gerechtfertigt nach Tirol beziehungsweise Österreich kommt, der muss einen Beitrag leisten und arbeiten – ab dem ersten Tag“, erklärte Mattle am Freitag. Für ihn gehe es um Leistungsbereitschaft, aber auch um schnellere Integration. Ein Arbeitsplatz beschleunige den Integrationsprozess und ermögliche Menschen, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.
Besonders deutlich formuliert der Tiroler ÖVP-Chef seinen politischen Grundsatz: „Wir sind solidarisch mit den Schwächsten, nicht mit den Faulsten.“ Was von Tirolerinnen und Tirolern an Leistungsbereitschaft verlangt werde, müsse auch für Menschen gelten, die neu ins Land kommen.
So ist die Lage derzeit in Österreich
Aktuell können Asylwerber allerdings nicht einfach unmittelbar nach ihrer Ankunft eine normale Beschäftigung aufnehmen. Für eine reguläre Anstellung muss das Asylverfahren grundsätzlich seit mindestens drei Monaten zugelassen sein. Anschließend braucht es eine Beschäftigungsbewilligung.
Das AMS prüft dabei in der Regel auch, ob für die konkrete Stelle bereits österreichische Arbeitnehmer, EU-Bürger oder andere Personen mit besserem Arbeitsmarktzugang zur Verfügung stehen. Erst wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Bewilligung erteilt werden.
Daneben gibt es schon heute Möglichkeiten für bestimmte gemeinnützige Tätigkeiten oder Hilfsarbeiten. Einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt wie anerkannte Asylberechtigte haben Asylwerber aber nicht.
Tirol sucht gleichzeitig Tausende Arbeitskräfte
Mattle begründet seinen Vorstoß auch mit der Situation am Tiroler Arbeitsmarkt. Im Oktober lag die Arbeitslosenquote bei 5,5 Prozent, deutlich unter dem österreichweiten Durchschnitt von 7,3 Prozent. Gleichzeitig waren beim AMS Tirol mehr als 7.000 sofort verfügbare Stellen gemeldet.
Gerade im Tourismus, in der Gastronomie, am Bau und in anderen personalintensiven Branchen suchen Unternehmen regelmäßig Mitarbeiter. Für Mattle ergibt es deshalb wenig Sinn, Menschen mit möglicherweise langer Aufenthaltsdauer gleichzeitig vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.
Mehr als 600 Zugewanderte bereits vermittelt
Als Beispiel nennt Mattle die Tiroler Onboarding-Stelle, die zugewanderte Menschen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt unterstützt. Seit 2024 seien dadurch mehr als 600 Personen erfolgreich in Jobs vermittelt worden.
Das Programm richtet sich unter anderem an Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte und Menschen mit anderen Aufenthaltsrechten. Auch Asylwerber mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit, die bereits mindestens drei Monate im Verfahren sind und die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen, können unterstützt werden.
Genau diese Erfahrungen möchte Mattle offenbar ausweiten.
Mattle stellt sich gegen Linie der Bundes-ÖVP
Politisch brisant ist der Vorstoß deshalb, weil Mattle selbst einer Partei angehört, die auf Bundesebene in der Asylpolitik traditionell einen deutlich restriktiveren Kurs verfolgt.
Der Tiroler Landeshauptmann sagt offen, dass seine persönliche Haltung in diesem Punkt von jener der Bundes-ÖVP abweicht. Eine Abrechnung mit Bundeskanzler Christian Stocker will er daraus aber nicht machen. Das Verhältnis bezeichnet Mattle weiterhin als „intakt“, Stocker mache in schwierigen Zeiten einen guten Job.
Trotzdem wird immer deutlicher, dass sich die Tiroler Volkspartei stärker als eigenständige politische Kraft positionieren möchte.
FPÖ spricht von „Scheinargument“
Heftige Kritik kommt von der FPÖ. Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger hält Mattles Vorschlag für den falschen Weg. Asylwerber könnten unter bestimmten Voraussetzungen ohnehin bereits arbeiten, weshalb der Landeshauptmann mit einem „Scheinargument“ operiere.
Für die Freiheitlichen müsse stattdessen eine möglichst rasche Abwicklung der Asylverfahren im Mittelpunkt stehen. Abwerzger bezweifelt außerdem, dass über Asylmigration jene Fachkräfte nach Österreich kommen, die Unternehmen tatsächlich suchen.
Auch Grüne kritisieren Mattle – aus völlig anderem Grund
Von den Grünen kommt ebenfalls Kritik, allerdings aus der entgegengesetzten Richtung. Integrationssprecherin Zeliha Arslan wirft der ÖVP vor, Asylwerber jahrelang vom Arbeitsmarkt ferngehalten zu haben.
Dass Mattle nun plötzlich eine Öffnung fordere, sei deshalb wenig glaubwürdig. Die Grünen befürworten grundsätzlich einen leichteren Arbeitsmarktzugang, sehen Mattles Vorstoß aber vor allem vor dem Hintergrund der bevorstehenden Tiroler Landtagswahl.
Neuer Kurs vor großem ÖVP-Parteitag
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am Samstag hält die Tiroler ÖVP in Innsbruck ihren Grundsatzparteitag ab. Rund 300 stimmberechtigte Delegierte sollen dort erstmals ein eigenes Grundsatzprogramm der Landespartei beschließen.
Darin spielen Begriffe wie Leistung, Eigenverantwortung, Familie und Tiroler Selbstständigkeit eine zentrale Rolle. Besonders ungewöhnlich ist ein weiterer Plan: Menschen sollen künftig ausschließlich Mitglied der Tiroler ÖVP werden können, ohne automatisch auch Mitglied der Bundespartei zu sein.
Dafür soll das Parteistatut entsprechend geändert werden.
Tiroler ÖVP will mehr Abstand zu Wien
Ein Jahr vor der für Herbst 2027 vorgesehenen Tiroler Landtagswahl versucht die Landespartei zunehmend, sich von der Bundespolitik abzugrenzen. Das Motto lautet sinngemäß: mehr Tirol, mehr Eigenständigkeit und weniger Vorgaben aus Wien oder Brüssel.
Mattle betont zwar, dass es weder um eine Abspaltung noch um einen Bruch mit der Bundes-ÖVP gehe. Trotzdem zeigt die Forderung nach „Arbeit ab dem ersten Tag“, dass Tirol bei zentralen politischen Fragen künftig eigene Positionen vertreten will.
Was würde Mattles Vorschlag konkret ändern?
Würde sich Mattle mit seiner Forderung durchsetzen, wäre die wichtigste Änderung klar: Die derzeitige dreimonatige Wartefrist für reguläre Beschäftigung von Asylwerbern müsste fallen oder grundlegend verändert werden. Auch das derzeitige System der Beschäftigungsbewilligungen und Arbeitsmarktprüfung müsste möglicherweise neu geregelt werden.
Für Unternehmen könnte das den Zugang zu zusätzlichen Arbeitskräften erleichtern. Befürworter erwarten sich außerdem schnellere Integration und geringere Abhängigkeit von staatlicher Grundversorgung. Kritiker warnen dagegen vor zusätzlichen Anreizen für Migration und fordern stattdessen schnellere Entscheidungen darüber, wer tatsächlich in Österreich bleiben darf.
Damit eröffnet Mattle eine Debatte, die weit über Tirol hinausgehen dürfte: Soll Österreich Asylwerber möglichst rasch arbeiten lassen – oder erst dann, wenn klarer ist, ob sie dauerhaft im Land bleiben dürfen?
(fd/apa)