Der digitale Euro

Chance oder Bedrohung?

(05.11.2026) Kommt mit dem digitalen Euro irgendwann die Abschaffung des Bargelds – oder bekommt Europa damit endlich ein eigenes, unabhängiges Bezahlsystem? Die Europäische Zentralbank treibt das Projekt weiter voran. Bereits 2027 soll ein großer Praxistest starten, eine mögliche Einführung könnte 2029 folgen. EZB-Direktor Piero Cipollone betont dabei: Der digitale Euro soll keine privaten Bezahlsysteme verdrängen, sondern eine gemeinsame europäische Infrastruktur schaffen. Gerade in Österreich dürfte dennoch vor allem eine Frage für Diskussionen sorgen: Was bedeutet das langfristig für unser Bargeld?

Digitaler Euro könnte ab 2029 Realität werden

Wenn das EU-Gesetzgebungsverfahren wie geplant bis Ende 2026 abgeschlossen wird, will die EZB technisch darauf vorbereitet sein, den digitalen Euro ab 2029 auszugeben. Fix beschlossen ist die Einführung damit allerdings noch nicht. Zuerst müssen Europäisches Parlament und Mitgliedstaaten den gesetzlichen Rahmen festlegen, danach entscheidet die Europäische Zentralbank endgültig über die Ausgabe.

Schon wesentlich früher beginnt allerdings der Praxistest. In der zweiten Jahreshälfte 2027 soll ein zwölfmonatiger Pilotversuch starten. Nach Angaben Cipollones wurden dafür aus mehr als 50 Bewerbungen insgesamt 36 Zahlungsdienstleister aus dem Euroraum ausgewählt. Dabei sollen nicht nur technische Abläufe getestet werden, sondern das gesamte Zusammenspiel von Banken, Händlern, Zentralbanken und Nutzern.

Was ist der digitale Euro überhaupt?

Der digitale Euro wäre keine neue Währung, sondern eine digitale Form des normalen Euro. Ein digitaler Euro hätte immer denselben Wert wie ein Euro in bar. Anders als Bitcoin oder andere Kryptowährungen würde er direkt von der Europäischen Zentralbank beziehungsweise den nationalen Zentralbanken abgesichert.

Für Verbraucher könnte die Nutzung ähnlich funktionieren wie heute beim Bezahlen mit Bankomatkarte oder Smartphone. Verwaltet würde der digitale Euro voraussichtlich über Banken oder andere beaufsichtigte Zahlungsdienstleister. Ein eigenes Konto direkt bei der EZB soll dafür nicht notwendig sein.

Chance: Europa wird unabhängiger

Einer der wichtigsten Gründe für das Projekt liegt in der europäischen Unabhängigkeit beim Bezahlen. Viele Kartenzahlungen und digitale Transaktionen laufen derzeit über internationale Unternehmen und Zahlungsnetzwerke. Europa verfügt bislang über keine flächendeckende eigene digitale Zahlungslösung, die überall im Euroraum akzeptiert wird.

Genau das könnte sich mit dem digitalen Euro ändern. Cipollone spricht von einer gemeinsamen öffentlichen Infrastruktur, auf der private Unternehmen wiederum eigene Angebote entwickeln könnten. Der digitale Euro wäre damit nicht nur eine zusätzliche Zahlungsmethode, sondern könnte zur technischen Grundlage für ein europäisches Bezahlsystem werden.

Bedrohung: Was passiert langfristig mit Bargeld?

Genau hier beginnt allerdings die Skepsis vieler Menschen. Wenn immer mehr Zahlungen digital abgewickelt werden können und mit dem digitalen Euro zusätzlich staatliches digitales Geld entsteht, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob Bargeld langfristig an Bedeutung verliert.

Die EZB widerspricht einer geplanten Bargeld-Abschaffung ausdrücklich. Der digitale Euro soll Banknoten und Münzen ergänzen und nicht ersetzen. Gleichzeitig arbeitet die EU daran, den Zugang zu Bargeld und dessen Akzeptanz gesetzlich abzusichern.

Nach aktuellem Stand soll also weiterhin jeder selbst entscheiden können: bar bezahlen, Bankomatkarte verwenden oder künftig auf den digitalen Euro setzen.

Gerade in Österreich ist Bargeld besonders wichtig

In Österreich ist diese Diskussion besonders sensibel, denn Bargeld spielt hier weiterhin eine wesentlich größere Rolle als in vielen anderen europäischen Ländern. Mehr als die Hälfte der Zahlungen vor Ort erfolgt weiterhin bar, und für einen sehr großen Teil der Bevölkerung gehört Bargeld selbstverständlich zum Alltag.

Eine rasche Abschaffung wäre daher nicht nur politisch äußerst umstritten, sondern entspricht auch nicht dem derzeitigen Konzept des digitalen Euro. Trotzdem könnte die tatsächliche Entwicklung der kommenden Jahrzehnte davon abhängen, wie stark digitale Zahlungsmethoden von den Menschen angenommen werden.

Kann die EZB dann jeden Einkauf sehen?

Eine weitere Sorge betrifft den Datenschutz. Kritiker befürchten, dass bei einem vollständig digitalen Zahlungsmittel jede Transaktion nachvollziehbar werden könnte. Die EZB verspricht deshalb hohe Datenschutzstandards.

Die Zentralbank selbst soll Zahlungen nicht direkt einer bestimmten Person zuordnen können. Besonders interessant ist dabei die geplante Offline-Funktion. Kleinere Beträge könnten auf einem Smartphone oder einem anderen Gerät gespeichert und anschließend ohne Internetverbindung übertragen werden. Diese Zahlungen sollen in puncto Privatsphäre einer Barzahlung möglichst nahekommen.

Bei Online-Zahlungen würden dagegen weiterhin gesetzliche Regeln gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung gelten. Banken und Zahlungsdienstleister könnten deshalb wie schon heute bestimmte Transaktionsdaten verarbeiten.

Kann der Staat bestimmen, wofür wir unser Geld ausgeben?

Auch die Angst vor sogenanntem programmierbarem Geld begleitet die Diskussion. Theoretisch könnte digitales Geld technisch so ausgestaltet werden, dass es nur für bestimmte Produkte eingesetzt werden darf oder nach einer gewissen Zeit verfällt.

Genau das soll beim digitalen Euro ausdrücklich nicht möglich sein. Die EZB betont, dass Verbraucher selbst bestimmen sollen, wann, wo und wofür sie ihr Geld ausgeben. Der digitale Euro soll also nicht beispielsweise nur für Lebensmittel funktionieren oder für bestimmte Einkäufe gesperrt werden können.

Obergrenze für digitale Euro geplant

Völlig unbegrenzt sollen Verbraucher digitale Euro allerdings vermutlich nicht halten können. Geplant ist eine persönliche Obergrenze, deren genaue Höhe noch nicht beschlossen wurde. Damit will die EZB verhindern, dass Menschen große Summen von ihren Bankkonten abziehen und ausschließlich in digitales Zentralbankgeld verschieben.

Das könnte sonst vor allem in Krisenzeiten problematisch werden, weil Geschäftsbanken dadurch sehr schnell Einlagen verlieren könnten. Größere Zahlungen wären trotzdem möglich, indem automatisch zusätzliches Geld vom normalen Bankkonto verwendet wird.

Banken sollen weiterhin eine zentrale Rolle spielen

Auch Banken und private Zahlungsanbieter sollen durch den digitalen Euro nicht verdrängt werden. Laut Cipollone bleiben sie für Verbraucher die wichtigsten Ansprechpartner. Sie könnten digitale-Euro-Wallets anbieten und auf der neuen europäischen Infrastruktur zusätzliche Dienste entwickeln.

Für Privatpersonen soll die grundlegende Nutzung des digitalen Euro kostenlos sein. Zusätzliche Leistungen könnten Banken oder andere Anbieter allerdings weiterhin kostenpflichtig anbieten.

Pilotprojekt startet 2027

Der Zeitplan wird damit zunehmend konkreter. Bis Ende 2026 soll möglichst der gesetzliche Rahmen stehen. In der zweiten Hälfte 2027 beginnt der einjährige Pilotversuch, anschließend werden Erfahrungen ausgewertet und technische Systeme weiterentwickelt. Ab 2029 könnte der digitale Euro dann erstmals tatsächlich ausgegeben werden.

Ob dieser Zeitplan hält, hängt allerdings von den politischen Entscheidungen in Brüssel und der anschließenden Entscheidung der EZB ab.

Chance oder Bedrohung?

Der digitale Euro könnte Europa unabhängiger von internationalen Zahlungsanbietern machen, Bezahlen im gesamten Euroraum vereinheitlichen und sogar Offline-Zahlungen mit digitalem Geld ermöglichen. Gleichzeitig wirft das Projekt Fragen über Datenschutz, Banken, mögliche Guthabenlimits und vor allem die Zukunft des Bargelds auf.

Eine Bargeld-Abschaffung ist derzeit ausdrücklich nicht vorgesehen. Trotzdem dürfte der digitale Euro langfristig verändern, wie Europäer bezahlen. Ob er am Ende als praktische Ergänzung zum Geldbörsel angenommen wird oder als weiterer Schritt hin zu einer immer stärker bargeldlosen Gesellschaft gesehen wird, entscheidet sich wohl erst dann, wenn Millionen Menschen ihn tatsächlich im Alltag verwenden können.

(fd/apa)

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