Lehrer fordern mehr Leistung
Schule "kein Freizeitverein"
(31.07.2026) Der neue Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Georg Stockinger (FCG), hat im APA-Interview einen stärkeren Fokus auf Leistung in den Schulen gefordert. "Wenn ich möchte, dass die Schülerinnen und Schüler reüssieren, dass wir in Österreich einen Bildungsstandard haben, dann müssen wir auch zulassen, dass Leistung eingefordert wird", betonte er. Durch KI könne man Leistungen immer einfacher vortäuschen, deshalb sollten etwa öfter als derzeit Tests vor Ort erlaubt sein.
Die bisherigen Prinzipien der Leistungsfeststellung würden durch die neuen technischen Möglichkeiten immer mehr in Frage gestellt. Schülern gelinge es teilweise über Jahre, Wissen vorzugaukeln. Man könne die Jugendlichen aber nur dann erfolgreich aufs Studium vorbereiten, "wenn wir uns im Vorfeld trauen, Leistung zu verlangen". Stockinger plädiert deshalb dafür, die Leistungsbeurteilungsverordnung zu überdenken.
Hausaufgaben etwa seien wegen der unterschiedlichen Unterstützungsmöglichkeiten daheim immer schon problematisch gewesen, so der Mathematik- und Geschichtelehrer. Die KI, die innerhalb weniger Sekunden die Antwort ausspucke, führe sie als aber wichtigen Teil der Gesamtnote endgültig ad absurdum. Die Lehrkräfte bräuchten deshalb die Möglichkeit zusätzlicher Überprüfungen in der Klasse - etwa indem man auch in Schularbeitsfächern wie Mathematik eines der Hausübungsbeispiele zusätzlich in der Klasse durchrechnen lassen darf. Derzeit werde das in vielen Bildungsdirektionen als Test gewertet und deshalb verboten, kritisierte er (in Schularbeitsfächern sind Tests nicht erlaubt, Anm.). Stockinger appellierte generell dafür, Prüfungen wieder positiver zu sehen. Diese seien immerhin kein Selbstzweck, sondern ein Anreiz, sich anzustrengen.
Druck von Eltern
Bildung ziele darauf ab, Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten bestmöglich zu fördern. Bei den höheren Schulen gehöre dazu auch, "dass man Leistung verlangen muss", betonte der ÖVP-Lehrervertreter. "Das ist einfach kein Freizeitverein in der Schule, sondern eine Institution, die viel Geld kostet und in der Kinder Wissen und Fähigkeiten erwerben sollen. Und das geht ohne Mühe in der Regel eben nicht." Man müsse sich neu überlegen, wie der Vertrag mit Schülern und Eltern aussehen könne, dass Kinder dazu motiviert werden, sich einzusetzen und zu entwickeln. "Das steht derzeit ein bisschen in Frage." Die Wirtschaft und die Gesellschaft brauche aber gerade Leute, die sich über Jahre hinweg immer wieder plagen mussten, "weil es eben nicht von selbst gegangen ist".
In der Praxis seien die Lehrkräfte hingegen immer wieder mit Druck von Eltern - teilweise unterstützt von Anwälten - konfrontiert, den Kindern im Zeugnis "ungedeckte Schecks" auszustellen - und das nicht nur am Übergang von der Volksschule. "Und wenn ungedeckte Schecks platzen, ist das immer eine Tragödie." Alle Kinder müssten die gleichen Chancen bekommen, betonte Stockinger. Trotzdem seien nicht alle Kinder gleich veranlagt und könnten die gleiche Leistung erbringen. Er würde sich an der Nahtstelle von der Volksschule eine Beratung der Kinder und Eltern zur optimalen Bildungslaufbahn wünschen, damit nicht "Kinder in Ausbildungen hineinmanövriert werden, in denen sie am Schluss nicht glücklich werden und auch nicht entsprechend gefördert werden können".
Inklusion mit Grenzen
Das sei keine generelle Absage an Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Lernvoraussetzungen. "Man muss aber unterscheiden zwischen einem flächendeckend inklusiven Schulsystem und inklusiven Schulen", schränkte Stockinger ein. Kinder, die man so ausbilden könne, dass sie danach studierfähig sind, sollten die entsprechenden Möglichkeiten in einer AHS bekommen. Das System stoße allerdings mittlerweile wegen der steigenden Zahl an Schülerinnen und Schülern mit Diagnosen wie etwa ADHS oder Autismusspektrumstörung an seine Grenzen.
In den AHS-Klassen gebe es bis zu 30 Kinder, keine Zweitlehrer und immer noch viel zu wenig psychosoziales Unterstützungspersonal. Wenn ein Kind laut psychologischem Gutachten Schularbeiten nur in einem separaten Raum schreiben kann, sei das im Einzelfall noch organisierbar. "Aber mittlerweile haben wir Klassen mit vier, fünf, sechs Kindern, die besondere Bedürfnisse haben und besonders gefördert werden sollen - Tendenz steigend. Das kann das System nicht leisten unter den derzeitigen Bedingungen."
Ritual Matura unter Druck
Einen Fokus auf Leistung mahnte Stockinger auch bei der Matura ein. Die Einrechnung der Jahresnote, die als Erleichterung in der Coronapandemie eingeführt wurde und die Erfolgsquoten deutlich gesteigert hat, würde er zumindest bei der mündlichen Prüfung gerne wieder abschaffen. Durch die Einrechnung können Schüler mit einem Dreier oder einer besseren Note im Jahreszeugnis auch dann nicht mehr bei der Matura scheitern, wenn sie bei der schriftlichen oder mündlichen Prüfung mit "Nicht genügend" beurteilt werden.
Einschränkung: Bei der schriftlichen Klausur müssen als Voraussetzung für die Einrechnung seit 2021 mindestens 30 Prozent der Punkte erreicht werden, nachdem so mancher Maturant mit abgesicherter Note leere Prüfungsbögen abgegeben hatte. Ab nächstem Jahr gilt wegen ähnlicher Probleme bei der mündlichen Prüfung ebenfalls ein Schwellenwert von 30 Prozent. Stockinger erwartet viele Probleme durch die Regelung, immerhin sei eine solche Bezifferung bei einem Gespräch "extrem schwierig". Er wurde die Einrechnung hier gerne ganz abschaffen.
Die Matura als Abschlussritual der Schullaufbahn, bei dem man noch einmal eine besondere Hürde nehmen muss und aufzeigen kann, was man in den vergangenen Jahren geleistet hat, sieht der AHS-Gewerkschafter angesichts von immer mehr Uni-Studien mit Aufnahmeverfahren unter Druck. "Wir müssen aufpassen, dass wir uns den Wert der Schulbildung und der Matura nicht durch erleichternde Maßnahmen an allen Ecken und Enden kaputt machen lassen", warnte er - und betonte gleichzeitig, dass trotz allem die große Mehrheit der Schüler immer noch "mit vollem Engagement" zu den Maturaprüfungen antrete.
Auch bei den Plänen der Regierung zur Ausweitung der Modularen Oberstufe mahnte Stockinger zu Augenmaß. Wenn man in jedem Fach die Wahl bekommt zwischen einem Basis- und einem Vertiefungsmodul, wie von der SPÖ vorgeschlagen, müsse man darauf achten, dass der Anspruch an die Allgemeinbildung in der AHS noch erhalten bleibt. "Wenn es letztlich darum geht, Anforderungen zu reduzieren, dann sind wir wieder bei der Frage: Wo führt eine Langform noch hin?"
(apa/mc)