Warnung vor THC-Drinks

Kinder im Krankenhaus

(31.07.2026) Während in Deutschland der erleichterte Zugang zu Cannabis laut einer aktuellen Studie nur zu einem moderaten und partiell vorübergehenden Anstieg durch THC-Konsum bedingter Spitalsaufenthalte geführt hat, wird in den USA jetzt Alarm geschlagen. THC-hältige Getränke und Nahrungsmittel finden sich verbotenerweise in immer mehr Supermärkten. Kinder und Jugendliche landen in Notaufnahmen.

"Die Cannabisgetränke in den Kühlregalen von Supermärkten, kleinen Shops und Feinkostgeschäften in ganz New York City sind leicht zu übersehen. Die bunte Auswahl an Dosen - mit Namen wie Oasis, Cann, Milonga, Cycling Frog, Tempter's, Gigli und Mighty Kind - ist oft kaum von Eistee, probiotischen Limonaden und anderen als Wellness vermarkteten 'Funktionsgetränken' zu unterscheiden, die im selben Regal stehen", schrieb vor kurzem Sarah Todd, Berichterstatterin des US-Pharma-Informationsdienstes STAT.

Auf den Dosenetiketten, deren Schriftgrößen von auffällig bis kaum lesbar reichten, werde zwar darauf hingewiesen, dass sie THC, den psychoaktiven Wirkstoff in Cannabis, enthielten. Doch an der Kasse sei auch kein Ausweis verlangt worden.

Verbote umgangen - Dosierungen überhöht

"Laut dem Gesetz in New York dürfen diese Getränke nicht im regulären Einzelhandel erhältlich sein. Die 2023 verabschiedeten Vorschriften begrenzen den THC-Gehalt auf maximal ein Milligramm pro Portion. Dennoch wurden Getränke mit bis zu hundertfacher Menge verkauft - in einem Feinkostgeschäft in einer noblen Straße in Brooklyn Heights, gesäumt von einer Instagram-berühmten Bäckerei und Pilates-Studios; in einem großen Supermarkt gegenüber einem Eingang zum Prospect Park. Die meisten Dosen lagen im Bereich von fünf bis zehn Milligramm, einer Standarddosis für gelegentliche Marihuana-Konsumenten. Allerdings waren auch hochpotente Marken mit 50, 60 und sogar hundert Milligramm THC - Mengen, welche die meisten Konsumenten außer erfahrenen Konsumenten überfordern dürften - leicht zu finden", hieß es bei STAT.

"Das ist nicht erlaubt. Aber es geschieht trotzdem", sagte dazu Christopher Lackner, Leiter des Branchenverbands Hemp Beverage Alliance (Hanf-Getränkeverband). THC-hältige Getränke erfreuten sich in den USA seit rund einem Jahrzehnt explosionsartiger Beliebtheit. Auf der anderen Seite würden die US-Bürger weniger Alkohol konsumieren. Mittlerweile gebe es bis zu 750 Marken der THC-Drinks. Es gehe um einen Markt, den man für 2026 auf 1,4 Milliarden US-Dollar geschätzt habe. Rechtlich sei das auch auf eine Gesetzeslücke zurückzuführen, bei der im Jahr 2018 mit der sogenannten "Farm Bill" Produkte aus Industriehanf legalisiert worden seien.

Gesundheitliche Folgen

Ärzte, Forscher und Interessenverbände warnen in den USA davor, dass diese leicht zugänglichen und ungenau gekennzeichneten Getränke das Risiko einer versehentlichen THC-Aufnahme erhöhen und die Gesundheit von Jugendlichen und anderen gefährdeten Gruppen gefährden. "Wir beobachten einen enormen Anstieg bei Kindern, die THC-haltige Getränke und andere THC-Produkte konsumieren, da diese jetzt leicht zugänglich sind", sagte Rudy Kink, Kinderarzt in der Notaufnahme des Le Bonheur Children's Hospital in Memphis im US-Bundesstaat Tennessee, zu der Problematik.

Kink schätzt, dass das Krankenhaus wöchentlich vier bis fünf Fälle behandelt - eine Mischung aus neugierigen Kindern, die von bunten Verpackungen angezogen werden, und Teenagern, die absichtlich mit Cannabis experimentieren. Gelegentlich käme es aber auch vor, dass ein Jugendlicher ein Cannabisgetränk mit Limonade verwechsle.

"Die Kinder werden apathisch, verwirrt, manchmal mit Übelkeit und Erbrechen, manchmal sogar komatös ins Krankenhaus eingeliefert. Ihre ratlosen Eltern haben oft keine Ahnung, was los ist, bis Blut- und Urintests THC nachweisen", schrieb STAT.

"Ich glaube nicht, dass Teenager die Wirkung von THC und die damit verbundenen medizinischen Probleme wie Erbrechen und Bewusstseinsstörungen wirklich verstehen", sagte der Kinderarzt aus Memphis. "Ich persönlich würde mir wünschen, dass diese Getränke klar und deutlich als THC-hältig gekennzeichnet werden, damit es keine Verwechslungen gibt."

Große Verbreitung

Eine Umfrage unter US-Highschool-Absolventen aus dem Jahr 2025 hat ergeben, dass acht Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Burschen im vorangegangenen Jahr Cannabisprodukte konsumiert hatten. Eine zweite Umfrage unter Erwachsenen zeigte eine Verbreitung von 14 Prozent. Konsumenten von THC-hältigen Getränken seien tendenziell jünger, besser gebildet und verfügten über ein höheres Einkommen als Konsumenten anderer Produkte.

Seitdem in den USA die Verfügbarkeit von aus Hanf gewonnenen Cannabisprodukten wie THC-Getränken, Gummibärchen und Vapes speziell in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen hat, sei es zu einem bemerkenswerten Anstieg der Vergiftungen bei Kindern gekommen, erklärte Matthew Rossheim, Professor für Gesundheitsverwaltung und Gesundheitspolitik in Fort Worth.

Extreme Steigerung bei Vergiftungs-Hotlines

Eine vor kurzem im "Journal of Addiction Medicine" veröffentlichte Studie hätte gezeigt, dass die Anrufe bei US-Vergiftungszentralen im Zusammenhang mit Cannabisvergiftungen bei Kindern unter sechs Jahren zwischen 2009 und 2024 um mehr als 6.000 Prozent und bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren im gleichen Zeitraum sogar um mehr als 13.000 Prozent angestiegen seien. Fast ein Drittel der von THC-Vergiftungen Betroffenen lande sogar auf der Intensivstation. Am häufigsten seien extrem niedriger Blutdruck, etwa ein Fünftel habe Atemprobleme, knapp 60 Prozent der Patienten benötigten Infusionen.

Rossheim wies außerdem auf einen Anstieg der Notaufnahmen von Patienten mit durch Cannabis ausgelösten Psychosen hin. Eine Studie an einer großen Gruppe von Jugendlichen in Nordkalifornien zeigte, dass Cannabiskonsum mit einem deutlich höheren Risiko für Psychosen und bipolare Störungen einhergehe.

Möglicherweise weichen in den USA Konsumenten auch von Cannabis zum Rauchen auf THC in essbarer oder trinkbarer Form aus. Hinzu kommen wahrscheinlich völlig Uninformierte. Menschen, die sich mit der Welt von Marihuana weniger auskennen, wüssten womöglich gar nicht, was THC bedeute. "Sie denken vielleicht, es sei einfach ein Wellness-Getränk oder etwas Ähnliches, das keine berauschende Wirkung hat", sagte Tory Spindle, Pharmakologe an der Johns Hopkins-Medizinuniversität in Baltimore.

Laut Spindle bergen THC-hältige Getränke im Vergleich zu anderen Cannabisprodukten auch besondere Risiken. Der Experte führt eine Studie durch, in der er den Teilnehmern THC-Getränke und verschiedene Arten von Cannabis-Lebensmitteln anbietet. Bisherige Ergebnisse zeigten, dass die Wirkung der Getränke innerhalb von 15 bis 20 Minuten einsetzt und nach etwa 30 bis 45 Minuten ihren Höhepunkt erreicht. Herkömmliche Produkte wie Brownies oder Gummibärchen benötigen im Vergleich dazu oft etwa eine Stunde, bis ihre Wirkung einsetze, und erreichten ihren Höhepunkt erst nach zwei bis drei Stunden. Ein Getränk mit zehn Milligramm THC scheine stärker zu wirken als ein Gummibärchen mit zehn Milligramm des Cannabis-Inhaltsstoffs.

In den USA tobt mittlerweile eine Debatte, wie man diese THC-Problematik in den Griff bekommen könnte. Die gesetzlichen Regelungen sind zumeist unterschiedlich nach Bundesstaaten. Schärfere Regelungen für Produkte aus Industriehanf sind zum Teil geplant. Hinzu sollten beispielsweise THC-hältige Getränke - wie Alkohol - in Supermärkten nur gegen Vorlage von Ausweisen und ab einem Alter von 21 Jahren verkauft werden dürfen. Zudem sollte eine genaue Deklarationspflicht und gesonderte Aufstellungs- und Abgabebedingungen in Supermärkten kommen.

(apa/mc)

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