Obdachlos in Österreich
EU-Studie lässt aufhorchen
(07.07.2026) In Salzburg sind deutlich mehr Menschen von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen als bisher bekannt. Das zeigt eine erstmals durchgeführte EU-Studie, an der die Stadt Salzburg teilgenommen hat. Zum Stichtag im Oktober 2025 wurden 910 Betroffene erfasst. Experten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt.
Mehr als 300 Menschen schlafen auf der Straße
Von den 910 erfassten Personen mussten 323 Menschen auf der Straße oder in Notschlafstellen übernachten. Die größte Gruppe bildeten allerdings 341 Menschen, die vorübergehend bei Verwandten, Freunden oder Bekannten unterkamen – eine Form der sogenannten verdeckten Wohnungslosigkeit.
Weitere Betroffene lebten in Übergangswohnungen, öffentlichen Einrichtungen oder unsicheren Wohnverhältnissen wie Abbruchhäusern ohne ausreichende Versorgung.
Auch Kinder betroffen
Neben den Erwachsenen wurden 40 mitziehende Kinder erfasst, die gemeinsam mit ihren Familien von Wohnungsnot betroffen sind. Für diese Kinder bedeute die Situation einen erheblichen Nachteil für ihre weitere Entwicklung, betonten die Experten bei der Präsentation der Studie.
Mehrheit der Betroffenen sind Männer
Die Auswertung zeigt außerdem, dass 78 Prozent der erfassten obdach- und wohnungslosen Menschen männlich und 22 Prozent weiblich sind.
Bei der Staatsangehörigkeit ergibt sich folgendes Bild:
- 41 Prozent österreichische Staatsbürger
- 30 Prozent EU-Bürger
- 29 Prozent Staatsangehörige von Drittstaaten
Experten vermuten hohe Dunkelziffer
Die Studienautoren gehen davon aus, dass viele Betroffene in der Erhebung gar nicht erfasst wurden. Besonders Frauen würden häufig in verdeckter Wohnungslosigkeit leben und deshalb in offiziellen Statistiken fehlen.
Peter Lienhuber vom Forum Wohnungslosenhilfe Salzburg sprach deshalb von der "Spitze des Eisbergs". Vor allem Menschen, die dauerhaft im Freien schlafen, bräuchten mehr niederschwellige Hilfsangebote und langfristige Unterstützung.
Fast jeder Zweite erst seit weniger als einem Jahr betroffen
Die Studie zeigt auch, dass Wohnungslosigkeit oft unterschiedlich verläuft. 48 Prozent der Betroffenen lebten seit weniger als einem Jahr ohne gesicherten Wohnraum und könnten mit rascher Hilfe stabilisiert werden. Gleichzeitig waren 36 Prozent bereits seit mehr als zwei Jahren obdach- oder wohnungslos und benötigen langfristige Lösungen.
Stadt Salzburg sieht Handlungsbedarf
Der für Wohnen zuständige KPÖ-Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl sieht durch die Studie den Handlungsbedarf bestätigt. Die Stadt hat bereits Maßnahmen wie eine bessere Berücksichtigung von Notlagen bei der Wohnungsvergabe, einen ausgebauten Kautionsfonds und verstärkte Delogierungsprävention umgesetzt.
Dankl verwies zudem auf Studien, wonach Obdach- und Wohnungslosigkeit für die öffentliche Hand deutlich teurer sei als die Versorgung mit leistbarem Wohnraum. Langfristig braucht es deshalb vor allem mehr günstige Mietwohnungen.
EU will Obdachlosigkeit bis 2030 beenden
Die Erhebung ist Teil des European Homelessness Count, der in 35 europäischen Städten durchgeführt wurde. Ziel ist es, Obdach- und Wohnungslosigkeit europaweit nach einheitlichen Kriterien zu erfassen und politische Maßnahmen besser vergleichen zu können. Neben Salzburg nahmen auch Wien und Innsbruck an der Studie teil.
(fd/apa)