Pike: Jetzt spricht Anwalt
'Bewusst, was man ihr angetan hat'
(08.10.2026) Die zum Tode verurteilte US-Amerikanerin Christa Pike (50) ist sich nach Angaben ihrer Anwälte im Klaren darüber, dass der Bundesstaat Tennessee versucht hatte, sie hinzurichten. "Sie ist sich sehr wohl bewusst, was man ihr angetan hat", sagte Pikes Anwalt Randy Spivey am Mittwochnachmittag (Ortszeit) in Nashville. Trotz der gescheiterten Exekution wurde am Mittwochabend (Ortszeit) im US-Bundesstaat Texas ein wegen Mordes zu Tode verurteilter 46-jähriger Mann hingerichtet.
Pike waren vor rund einer Woche zwei Dosen des Mittels Pentobarbital bei dem Hinrichtungsversuch verabreicht worden. Die verurteilte Mörderin überlebte beide Injektionen und wurde in ein Krankenhaus zur Behandlung gebracht, wo sie künstlich beatmet wurde. Obwohl Pike wieder bei Bewusstsein sei, sei sie "kognitiv immer noch sehr verwirrt". Anwalt Spivey sagte außerdem, er glaube, Pike sei im Moment "wütend und verwirrt" wegen all dem.
Kein vergleichbarer moderner US-Fall
Pike war 1996 für den Mord an der damals 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zur Tatzeit 18 Jahre alt. Slemmer war 1995 in einem abgelegenen Gebiet nahe Knoxville über längere Zeit gefoltert und schließlich getötet worden. Pikes Hinrichtung wäre die erste einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren gewesen.
Nach Angaben des Death Penalty Information Center ist kein vergleichbarer moderner US-Fall bekannt, in dem die vorgesehenen Hinrichtungsmedikamente verabreicht wurden und der Verurteilte weiterlebte.
Gericht: Beweismittel müssen gesichert werden
Ihre ersten Worte nach dem Aufwachen im Krankenhaus seien gewesen: "Wo bin ich und wer seid ihr?". Die 50-Jährige habe ein Blutgerinnsel in einem ihrer Arme und könne keinen ihrer beiden Arme bewegen. "Wir wissen nicht, ob und inwieweit sie die Funktion ihrer Arme wiedererlangen wird", sagte Spivey. Außerdem sei Pike an einer Lungenentzündung erkrankt und werde ernährt. Sie habe einen langen Weg der Genesung vor sich.
Pike habe bis Dienstag "nicht mit ihren Anwälten und nicht mit ihrem medizinischen Betreuungsteam kommunizieren können", sagte Anwalt Luke Ihnen zuvor bei einer Gerichtsverhandlung zu dem Fall in Nashville. Sie könne überdies lediglich "in begrenztem Umfang sprechen". Ihre Anwälte zeigten sich überrascht, dass Pike eine Woche nach der gescheiterten Hinrichtung das Bewusstsein wiedererlangte. "Am Montagabend gingen wir davon aus, dass Christa hirntot war, und dass die lebenserhaltenden Maßnahmen am nächsten Tag abgeschaltet werden würden", erklärte Spivey. Zur "großen Überraschung aller", sei Pike aufgewacht und habe begonnen zu sprechen.
Ihnen erklärte, dass Tennessee keine Zusicherung gegeben habe, dass Pike nicht doch noch exekutiert werde. Richterin I'Ashea Myles gab allerdings der Forderung von Pikes Anwälten statt, jegliche Beweismittel im Zusammenhang mit Pikes fehlgeschlagener Hinrichtung zu sichern. Dies sei relevant, sollte Pike einen künftigen Hinrichtungsversuch anfechten müssen, erklärte Ihnen.
Zuvor hatte die "New York Times" darauf hingewiesen, dass Pikes Gesundheitszustand wahrscheinlich für einen möglichen neuen Hinrichtungsversuch entscheidend sein werde. Da die verurteilte Mörderin sich laut ihrer Anwälte ihrer fehlgeschlagenen Exekution bewusst ist, könnte es sein, dass der Bundesstaat, sollte er einen weiteren Hinrichtungsversuch anstreben, argumentiert, dass sie den Grund für ihre Bestrafung rational nachvollziehen könne. In den USA ist das eine rechtliche Voraussetzung für den Vollzug der Todesstrafe.
Anwälte: Wie viel Leid ist genug?
"Nach allem, was wir gesehen haben, ist es unvorstellbar, dass der Bundesstaat erneut versuchen würde, sie hinzurichten", sagte Spivey. Pikes Verteidiger forderten Tennessees republikanischen Gouverneur Bill Lee dazu auf, ihre Todesstrafe in eine lebenslange Haft umzuwandeln – ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung. "Wir müssen uns fragen, wie viel Leid genug ist", so Spivey.
Lee hatte die letzte noch für dieses Jahr geplante Hinrichtung nach der gescheiterten Exekution Pikes abgesagt.
Hinrichtung in Texas
Zum ersten Mal seit der gescheiterten Exekution ist am Mittwochabend (Ortszeit) im US-Bundesstaat Texas ein wegen Mordes zu Tode verurteilter 46-jähriger Mann hingerichtet worden. Das berichteten US-Medien übereinstimmend. Jamaal Howard hatte im Jahr 2000 eine Frau bei einem Überfall erschossen, bei dem der damals 20-Jährige 114 US-Dollar aus der Kasse entwendet hatte. 2001 war er wegen Mordes zum Tod verurteilt worden.
In seiner letzten Stellungnahme soll sich Howard an die Familie des Opfers gewandt und um Vergebung gebeten haben, wie unter anderem die US-Zeitung "New York Times" berichtete. "Es tut mir leid, was passiert ist."
Bei seiner Hinrichtung sollte, wie bei Pike, das Mittel Pentobarbital für die tödliche Injektion verwendet werden. Howards Anwälte versuchten, die Exekution auf verschiedenem Wege zu stoppen, hatten damit aber keinen Erfolg. US-Medien zufolge pochten sie unter anderem auf einen Aufschub der Hinrichtung, um zu warten, bis weitere Informationen über das Mittel bereitstehen.
Texas hatte vor Howard in diesem Jahr bereits sechs Menschen hingerichtet - und hat für November zwei weitere Exekutionen angesetzt.
(apa/mc)