Preise für irre Forschung?

Der Kronehit Faktencheck

(07.09.2026) Spritzfreie Pissoirs, Kakerlakenmilch, vergrabene Unterhosen und der Geruch von Babys: Bei den Ig-Nobelpreisen 2026 in Zürich wurden wieder Forschungsprojekte ausgezeichnet, die zunächst absurd klingen, wissenschaftlich aber durchaus ernst gemeint sind. Die Preise sollen nach dem Motto der Veranstalter Menschen „zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken“ bringen.

Forscher entwickeln Pissoir mit weniger Spritzern

Besonders alltagstauglich ist der diesjährige Ig-Nobelpreis für Physik. Ein internationales Forschungsteam untersuchte theoretisch und experimentell, wie ein Urinal geformt sein muss, damit möglichst wenig Flüssigkeit zurückspritzt. Dafür analysierten die Wissenschaftler unter anderem Winkel und Form des Beckens und entwickelten daraus ein möglichst spritzarmes Design.

Die Forschung mag zunächst nach einem Scherz klingen, beschäftigt sich aber mit einem echten physikalischen Problem: Treffen Flüssigkeitsstrahlen ungünstig auf eine Oberfläche, entstehen Tropfen, die wieder zurückgeschleudert werden.

Kakerlakenmilch ist extrem energiereich

Noch ungewöhnlicher ist die ausgezeichnete Forschung über sogenannte Kakerlakenmilch. Untersucht wurde eine Kakerlakenart, die lebende Junge zur Welt bringt und ihren Nachwuchs mit besonders energiereichen Nährstoffen versorgt.

Das Forschungsteam stellte fest, dass bestimmte Milchproteine dieser Kakerlaken rund dreimal so energiereich wie jene aus Kuhmilch sind. Für diese Erkenntnisse gab es den Ig-Nobelpreis in der Kategorie Chemie.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Kakerlakenmilch demnächst im Supermarkt neben Kuh- und Hafermilch stehen wird. Die Forschung beschäftigt sich vielmehr mit der außergewöhnlichen Zusammensetzung und Struktur dieser Nährstoffe.

1000 Unterhosen wurden für die Wissenschaft vergraben

Auch die Schweiz war bei den Preisen prominent vertreten. Forschende der Universität Zürich und von Agroscope bekamen den Preis für Bodenkunde für das Projekt „Beweisstück Unterhose“.

Dafür wurden nach Angaben der Universität 1000 identische Baumwoll-Unterhosen in mehr als 25 Ländern vergraben und nach zwei Monaten wieder aus dem Boden geholt. Je stärker der Baumwollstoff verschwunden beziehungsweise zersetzt war, desto aktiver waren die Mikroorganismen und Lebewesen im Boden.

Die Idee dahinter ist durchaus praktisch: Statt komplizierter Laboranalysen kann bereits der Zerfall eines Baumwollstoffes einen leicht verständlichen Hinweis darauf liefern, wie biologisch aktiv ein Boden ist.

Bei einem früheren Schweizer Bürgerforschungsprojekt hatten rund 1000 Menschen mehr als 2000 Unterhosen in Gärten, Wiesen und Äckern vergraben. Die nun ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeit entwickelte diese Methode weiter.

Eltern mögen Babyduft lieber als Teenagergeruch

Einen Ig-Nobelpreis gab es außerdem für eine Studie mit deutscher Beteiligung zum Körpergeruch von Kindern. Ilona Croy von der Universität Jena untersuchte gemeinsam mit Forschern aus Dresden und Polen, wie Eltern den Geruch ihres Nachwuchses wahrnehmen.

Das wenig schmeichelhafte Ergebnis für Jugendliche: Je älter die Kinder wurden, desto weniger angenehm bewerteten Eltern ihren Körpergeruch. Babys schnitten dagegen besonders gut ab.

Die Forscher sehen dahinter auch einen biologischen Mechanismus. Babygeruch kann im Gehirn Prozesse aktivieren, die mit Fürsorge und Bindung zusammenhängen. Mit der Pubertät verändert sich dagegen durch Hormone auch der Körpergeruch deutlich.

Für die Untersuchungen trugen Babys und Jugendliche spezielle Baumwollstoffe über Nacht. Dabei wurden parfümierte Seifen, Waschmittel und andere Fremdgerüche möglichst ausgeschlossen. Erwachsene rochen anschließend an den Proben, teilweise wurden parallel ihre Gehirnreaktionen untersucht.

Mückenrüssel wird zur Mini-Düse für 3D-Drucker

Auch tote Mücken können offenbar noch einen wissenschaftlichen Nutzen haben. Ein ausgezeichnetes Forschungsteam entwickelte eine Methode, bei der der extrem feine Rüssel einer Mücke als hochauflösende 3D-Druckdüse verwendet wird.

Die Forscher nennen das Verfahren „Necroprinting“. Gerade weil ein Mückenrüssel extrem dünn ist, kann er Flüssigkeiten in sehr kleinen Mengen und mit hoher Präzision abgeben.

Reiche Menschen naschen häufiger Süßigkeiten ihrer Kinder

Für Gesprächsstoff sorgt auch der Ig-Nobelpreis für Wirtschaft. Ein Forscherteam sammelte Hinweise darauf, dass Menschen aus höheren sozialen Schichten in bestimmten Experimenten häufiger egoistisches oder unethisches Verhalten zeigen.

Zu den untersuchten Situationen gehörte auch eine besonders eingängige Versuchsanordnung: Wohlhabendere Teilnehmer griffen demnach häufiger zu Süßigkeiten, die eigentlich für Kinder vorgesehen waren.

Auch Küssen und Naseputzen werden preiswürdig

Weitere Gewinner beschäftigten sich mit der Frage, was wissenschaftlich überhaupt als Kuss gilt. Ein Forschungsteam entwickelte dazu eine möglichst genaue Definition und untersuchte Küssen beziehungsweise vergleichbares Verhalten bei Menschen und verschiedenen Tierarten.

Der Medizinpreis ging sogar an eine Arbeit aus dem Jahr 1977. Der inzwischen verstorbene japanische Forscher Tokuji Unno hatte die Aerodynamik beim Naseputzen untersucht.

Ig-Nobelpreise erstmals in Zürich statt in den USA

Eine Besonderheit gab es 2026 auch beim Austragungsort. Die 36. Ig-Nobelpreisverleihung fand am 3. September erstmals in Zürich und damit erstmals außerhalb der USA statt. Seit Beginn der Veranstaltung im Jahr 1991 war die Zeremonie traditionell in den Vereinigten Staaten veranstaltet worden.

Organisator Marc Abrahams begründete den Wechsel nach Europa unter anderem mit Schwierigkeiten und Unsicherheiten rund um die US-Visapolitik und Einreisebedingungen für internationale Gäste. 2027 soll die Preisverleihung in Antwerpen in Belgien stattfinden.

Ganz ernst nehmen sich die Ig-Nobelpreise trotz echter Wissenschaft weiterhin nicht: Bei der Zürcher Veranstaltung bekamen die Gewinner unter anderem ein Preisgeld von zehn Billionen Simbabwe-Dollar – umgerechnet rund fünf Schweizer Rappen. Die Trophäen sahen 2026 aus wie mit Pilzen bewachsene menschliche Füße.

Kuriose Forschung mit ernstem Hintergrund

Genau darin liegt die Idee der Ig-Nobelpreise: Ein spritzfreies Pissoir, eine vergrabene Unterhose oder Kakerlakenmilch klingen zunächst wie schlechte Scherze. Dahinter stehen jedoch echte wissenschaftliche Fragestellungen – von Strömungsphysik über Bodenökologie bis zu Eltern-Kind-Bindung und Materialforschung.

Oder anders gesagt: 2026 hat die Wissenschaft offiziell bewiesen, dass man selbst mit Pissoirs, Unterhosen, Mücken und schlecht riechenden Teenagern preiswürdige Forschung betreiben kann.

(fd/apa)

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