Rekordverdächtige Roboter

World Humanoid Robot Games

(24.08.2026) Ein Roboter läuft schneller als Usain Bolt, andere spielen Fußball, Tischtennis oder kämpfen im Ring – und manche legen sich wenige Sekunden später spektakulär auf die Nase. Bei den World Humanoid Robot Games 2026 in Peking zeigt China derzeit, wie schnell sich humanoide Robotik entwickelt.

Bei der zweiten Ausgabe der Roboterspiele treten vom 22. bis 26. August insgesamt 2.056 Roboter aus 666 Teams und 16 Ländern gegeneinander an. Austragungsort ist das National Speed Skating Oval, bekannt als „Ice Ribbon“. Auf dem Programm stehen 51 verschiedene Disziplinen mit insgesamt 1.301 Wettbewerben.

Die spektakulärsten Bilder liefern derzeit die Laufbewerbe. Sie zeigen aber auch ziemlich deutlich: Schnell sein und im Alltag zuverlässig funktionieren sind bei Robotern noch zwei verschiedene Dinge.

Roboter läuft 100 Meter schneller als Usain Bolt

Für besonders großes Aufsehen sorgte der chinesische Roboter Tiangong Ultra.

Er absolvierte die 100 Meter bei den Spielen in 9,39 Sekunden. Damit war die Maschine auf der Strecke tatsächlich schneller als Usain Bolts menschlicher Weltrekord von 9,58 Sekunden, den der Jamaikaner 2009 in Berlin aufgestellt hatte.

Ein weiteres Modell namens Lightning kam auf 9,47 Sekunden. Bereits vor dem offiziellen Wettbewerb war bei einem Testlauf sogar eine Zeit von 9,32 Sekunden gemeldet worden.

Der Vergleich mit Bolt ist natürlich vor allem ein spektakulärer Hingucker. Ein speziell konstruierter Roboter unterliegt schließlich nicht denselben körperlichen Voraussetzungen wie ein Mensch.

Trotzdem zeigt die Entwicklung, wie schnell die Maschinen geworden sind. Noch bei der ersten Ausgabe der Spiele 2025 lag die beste Roboterzeit über 100 Meter bei 21,50 Sekunden.

Noch deutlicher wird der Geschwindigkeitsunterschied über 400 Meter. Zunächst lief Tiangong im Vorlauf 39,70 Sekunden. Bereits damit lag der Roboter deutlich unter dem menschlichen Männer-Weltrekord von 43,03 Sekunden, den Wayde van Niekerk 2016 aufgestellt hatte.

Doch dabei blieb es nicht.

Im Finale am 23. August verbesserte Tiangong seine Zeit nochmals auf 38,15 Sekunden. Damit war die Maschine fast fünf Sekunden schneller als die menschliche Weltbestmarke.

Schnell laufen können sie – beim Anhalten gibt es Probleme

Wer aus diesen Zeiten schließt, dass humanoide Roboter Menschen bereits generell überlegen sind, sollte allerdings einen Blick auf die Videos nach der Ziellinie werfen.

Mehrere Maschinen konnten nach ihren Sprints kaum kontrolliert abbremsen. Roboter prallten in gepolsterte Begrenzungen oder stürzten unmittelbar nach dem Zieleinlauf. Bei einzelnen Zwischenfällen waren sogar Reparaturen notwendig.

Genau darin liegt derzeit eine der großen Herausforderungen der Robotik: Eine klar definierte Bewegung extrem schnell auszuführen ist etwas völlig anderes, als sich zuverlässig und sicher in einer unvorhersehbaren Umgebung zu bewegen.

Die Robot Games sind deshalb weit mehr als nur ein Sprintwettbewerb. In Peking spielen humanoide Maschinen unter anderem Fußball und Tischtennis, treten beim Kickboxen und Gewichtheben an oder versuchen sich an Tanz und Tauziehen. Daneben gibt es praxisnahe Aufgaben aus Produktion, Handel, Hotellerie, Lagerhaltung und Haushalt. Gerade diese scheinbar unspektakulären Bewerbe sind für die Zukunft der Branche besonders interessant.

Denn während ein schneller Roboter beeindruckende Videos liefert, lässt sich mit einer Maschine, die zuverlässig Pakete sortiert, Gegenstände montiert oder Aufgaben in einem Hotel übernimmt, tatsächlich Geld verdienen.

Viele Roboter müssen mittlerweile selbst entscheiden

Ein wichtiger Unterschied zur ersten Ausgabe der Spiele ist der höhere Grad an Autonomie.

Bei mehreren Bewerben ist direkte Fernsteuerung inzwischen verboten. Der 100-Meter-Lauf wurde beispielsweise ausdrücklich zu einem Wettbewerb für vollständig autonome Roboter gemacht. Die Maschine muss selbst navigieren und ihre Bewegungen kontrollieren.

Auch bei praxisnahen Aufgaben erhalten Teams mehr Punkte, wenn der Roboter die Aufgabe selbstständig erledigt und nicht von einem Menschen ferngesteuert wird.

Das macht die Wettbewerbe technologisch wesentlich interessanter: Entscheidend ist nicht mehr nur, wie leistungsfähig die Motoren sind, sondern wie gut Sensoren, Software und künstliche Intelligenz zusammenarbeiten.

Bohnen aufheben ist teilweise schwieriger als Sprinten

Wie weit der Weg zum universellen Haushaltsroboter noch ist, zeigen ausgerechnet die kleinen Aufgaben.

Zu den Wettbewerben gehören beispielsweise das Öffnen von Verpackungen, das Sortieren von Gegenständen, Montagearbeiten oder sogar das Aufheben von Bohnen mit einer Pinzette.

Solche Tätigkeiten verlangen Feinmotorik, räumliche Wahrnehmung und schnelle Anpassungen – Fähigkeiten, bei denen Roboter noch deutlich häufiger Fehler machen als bei einer geraden Laufstrecke.

Auch die parallel stattfindende World Robot Conference in Peking zeigt diese Grenzen. Dort demonstrieren Hersteller Roboter für Industrie und Haushalt. Ein Modell hatte beispielsweise erhebliche Schwierigkeiten bei der vermeintlich simplen Aufgabe, ein T-Shirt zu falten.

China betrachtet humanoide Robotik und sogenannte Embodied AI – verkörperte künstliche Intelligenz – als strategische Zukunftstechnologie. Dabei wird künstliche Intelligenz mit einem physischen Roboter verbunden, der seine Umgebung wahrnehmen und darin handeln soll. Peking verfügt bereits über rund ein Viertel der chinesischen Hersteller kompletter humanoider Roboter. Die Regierung will Anwendungen in Industrie und Alltag gezielt beschleunigen. Die enorm gestiegene Teilnehmerzahl bei den Robot Games zeigt, wie schnell sich die Branche entwickelt: Von rund 500 Robotern im vergangenen Jahr ist die Zahl auf 2.056 Maschinen gestiegen.

Der große „ChatGPT-Moment“ fehlt Robotern noch

Die Hoffnung der Branche ist ein Durchbruch ähnlich jenem, den ChatGPT für generative künstliche Intelligenz ausgelöst hat. Die Vision: Ein humanoider Roboter kommt irgendwann in eine Fabrik, ein Hotel oder sogar in einen ihm völlig unbekannten Haushalt, erhält einen einfachen Sprachbefehl und kann die gewünschte Aufgabe anschließend selbstständig erledigen. Davon sind heutige Systeme aber noch entfernt.

Die Wettbewerbe in Peking zeigen zwar enorme Fortschritte bei Geschwindigkeit, Balance und autonomer Steuerung. Gleichzeitig fehlen bei den Spielen auffällig anspruchsvolle Alltagstests wie das zuverlässige Bewältigen von Treppen, Leitern oder unstrukturiertem Gelände. Auch Langzeitzuverlässigkeit, Energieverbrauch und stundenlanges Arbeiten werden kaum getestet.

Faktencheck: Sind Roboter jetzt schon besser als Menschen?

Beim 100-Meter-Sprint lautet die überraschende Antwort tatsächlich: Ein Roboter war schneller als Usain Bolts Weltrekord.

Tiangong Ultra lief 9,39 Sekunden, Bolt hält den menschlichen Weltrekord mit 9,58 Sekunden. Über 400 Meter schaffte der Roboter inzwischen sogar 38,15 Sekunden gegenüber dem menschlichen Weltrekord von 43,03 Sekunden.

Daraus folgt aber keineswegs, dass humanoide Roboter Menschen insgesamt überlegen wären.

Die Maschinen sind für bestimmte Aufgaben optimiert. Während sie inzwischen erstaunliche Sprintleistungen erreichen, können Bremsen, unbekanntes Gelände, Feinmotorik oder ganz gewöhnliche Haushaltsarbeiten weiterhin große Probleme verursachen. Die vielleicht treffendste Bilanz der Robot Games lautet deshalb: Beim Sprint können die Maschinen Usain Bolt inzwischen schlagen. Beim T-Shirt-Falten sollte man den Menschen vorerst noch nicht abschreiben.

(fd)

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