Macht Vakuum im Irak?
USA ziehen letzte Soldaten ab
(30.09.2026) Die USA haben ihren militärischen Abzug aus dem Irak abgeschlossen. Nach Angaben des Pentagon haben die letzten für die internationale Anti-IS-Mission stationierten US-Soldaten das Land verlassen. Damit endet eine weitere Phase der mehr als zwei Jahrzehnte dauernden amerikanischen Militärpräsenz im Irak. Washington und Bagdad wollen ihre Sicherheitskooperation dennoch fortsetzen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass insbesondere proiranische Milizen und verbliebene Zellen des Islamischen Staates (IS) das entstehende Sicherheitsvakuum nutzen könnten.
Letzte US-Soldaten verlassen den Nordirak
Zuletzt waren nur noch einige hundert amerikanische Soldaten in der autonomen Kurdenregion im Norden des Irak stationiert. In den vergangenen Jahren umfasste die US-Präsenz zeitweise noch rund 2.500 Soldaten. Der vollständige Abzug war bereits 2024 zwischen Washington und Bagdad vereinbart und schrittweise umgesetzt worden.
Das Pentagon bezeichnet den Abschluss der Mission als Ergebnis einer zwölfjährigen Kampagne gegen den IS. Die Terrormiliz sei als organisierte militärische Macht im Irak weitgehend besiegt worden. Verstreute IS-Zellen sind jedoch weiterhin aktiv und können noch Anschläge verüben.
USA wollen Irak weiter mit Geheimdienstinformationen unterstützen
Der Abzug bedeutet nicht das Ende der Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten. Die USA wollen die irakischen Sicherheitskräfte weiterhin unter anderem mit gezielter Ausbildung und Geheimdienstinformationen unterstützen.
Aus der bisherigen internationalen Militärmission soll damit eine stärker auf bilaterale Zusammenarbeit ausgerichtete Sicherheitspartnerschaft zwischen Washington und Bagdad werden. Die Hauptverantwortung für die Sicherheit des Landes liegt künftig jedoch bei den irakischen Streitkräften.
Irak übernimmt volle Verantwortung für seine Sicherheit
Iraks Ministerpräsident Ali al-Zaidi bezeichnete den Abzug als Beginn einer neuen Phase. Der Irak übernehme nun die volle Verantwortung für die eigene Sicherheit und Stabilität.
Der Kampf gegen den Terrorismus sei mit dem Ende der internationalen Mission nicht beendet. Neben verbliebenen IS-Zellen gehört insbesondere die Kontrolle mächtiger bewaffneter Gruppen zu den größten Herausforderungen der Regierung.
Proiranische Milizen gewinnen an Bedeutung
Besonders heikel ist die Rolle der zahlreichen mit dem Iran verbundenen Milizen. Einige dieser Gruppen gehören formal zu den irakischen Sicherheitsstrukturen, verfügen aber teilweise weiterhin über eigene Befehlsketten, Waffen und politischen Einfluss.
Mehrere Milizen begrüßten den US-Abzug als Erfolg ihres Widerstands gegen die ausländische Militärpräsenz. Besonders scharf reagierte die mächtige Kataib Hisbollah. Vertreter der Gruppe drohten der irakischen Regierung mit Konsequenzen, sollte sie nach Ansicht der Miliz gegen die Interessen des Landes handeln.
Damit könnte sich nach dem Abzug ein innenpolitischer Machtkampf darüber verschärfen, wer im Irak tatsächlich über Waffen und militärische Gewalt verfügen darf.
Entwaffnung der Milizen auf Juni 2027 verschoben
Ursprünglich wollte die irakische Regierung parallel zum US-Abzug erreichen, dass Waffen außerhalb staatlicher Kontrolle verschwinden. Dieser Zeitplan konnte jedoch nicht eingehalten werden.
Die Frist für die geplante Entwaffnung beziehungsweise Eingliederung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen wurde inzwischen auf Juni 2027 verschoben. Einige kleinere Gruppierungen haben einer stärkeren staatlichen Kontrolle zugestimmt. Besonders mächtige proiranische Milizen lehnen eine vollständige Entwaffnung allerdings weiterhin ab.
Eine gewaltsame Durchsetzung könnte neue Kämpfe innerhalb des Irak auslösen.
Kurdenregion fürchtet Angriffe nach US-Abzug
Besonders groß sind die Sorgen in der Kurdenregion im Nordirak. Dort fürchtet die Regionalregierung nicht nur ein mögliches Wiedererstarken des IS, sondern auch weitere Raketen- und Drohnenangriffe.
Mit den amerikanischen Soldaten wurden auch Teile der amerikanischen Luftverteidigung abgezogen. Die kurdischen Sicherheitsbehörden hatten deshalb zuletzt vor einer wachsenden Verwundbarkeit der Region gewarnt.
Der Irak wurde während des laufenden Konflikts zwischen Iran auf der einen sowie den USA und Israel auf der anderen Seite wiederholt zum Schauplatz von Angriffen und Gegenangriffen. Proiranische Gruppen griffen amerikanische Einrichtungen an, während die USA wiederum Stellungen von Milizen im Irak attackierten.
Irak mitten im Konflikt zwischen USA und Iran
Seit Jahren befindet sich der Irak politisch und militärisch zwischen den Interessen der USA und des Iran. Teheran verfügt über erheblichen Einfluss auf mehrere schiitische Parteien und bewaffnete Gruppierungen im Land.
Die Spannungen haben sich seit Beginn des aktuellen Krieges gegen den Iran Ende Februar 2026 zusätzlich verschärft. Auch Angriffe auf Saudi-Arabien wurden mit im Irak operierenden proiranischen Gruppen in Verbindung gebracht. Zudem gibt es Hinweise auf eine zunehmende Zusammenarbeit irakischer Milizen mit den Huthi im Jemen.
Der Irak ist dabei auch wirtschaftlich von großer Bedeutung: Das Land gehört zu den weltweit wichtigsten Erdölproduzenten und deckt einen beträchtlichen Teil der globalen Ölnachfrage.
Schon 2011 zogen die USA einmal aus dem Irak ab
Die Geschichte wiederholt sich damit zumindest teilweise. 2003 marschierten die USA und ihre Verbündeten in den Irak ein und stürzten Machthaber Saddam Hussein. Washington begründete den Krieg unter anderem mit angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen. Solche Waffen wurden später nicht gefunden.
Ende 2011 zogen die amerikanischen Streitkräfte zunächst weitgehend ab. Bereits 2014 kehrten US-Soldaten auf Einladung der irakischen Regierung zurück, nachdem der Islamische Staat große Teile des Irak und Syriens erobert hatte.
2017 erklärte der Irak den IS territorial für besiegt. Die internationale Mission blieb anschließend im Land, um die irakischen Streitkräfte auszubilden und ein Wiedererstarken der Terrororganisation zu verhindern.
Abzug beendet Mission – nicht die Sicherheitsrisiken
Mit dem US-Abzug im September 2026 endet nun die militärische Anti-IS-Mission auf irakischem Boden. Ob daraus tatsächlich ein Machtvakuum entsteht, wird vor allem davon abhängen, ob Bagdad seine Sicherheitskräfte stärken und gleichzeitig die zahlreichen bewaffneten Gruppierungen unter staatliche Kontrolle bringen kann.
Die größte Herausforderung beginnt damit möglicherweise erst jetzt: Der Irak muss seine Sicherheit weitgehend selbst gewährleisten, während IS-Zellen weiter existieren, mächtige Milizen ihre Waffen behalten und der Konflikt zwischen Iran und den USA die gesamte Region belastet.
(fd/apa)