Pest-Angst in Russland
Fünf Kliniken unter Quarantäne
(05.10.2026) Nach dem mysteriösen Tod einer 28-jährigen Mitarbeiterin eines russischen Anti-Pest-Instituts wächst in Sibirien die Sorge vor einer gefährlichen Infektion. In Irkutsk wurden mindestens fünf Krankenhäuser unter Quarantäne gestellt, darunter eine Kinderklinik und eine Geburtsklinik. Auch das Krankenhaus im nahe gelegenen Schelechow, in dem die junge Frau starb, wurde abgeriegelt.
Im Mittelpunkt steht die 28-jährige Darja Schipilowa, die am Irkutsker Forschungsinstitut zur Bekämpfung der Pest und anderer gefährlicher Infektionskrankheiten arbeitete. Sie erkrankte plötzlich schwer und starb in der Nacht auf den 2. Oktober.
Berichte über möglichen Laborunfall
Russische Medien berichteten, die Laborantin könnte sich bei ihrer Arbeit mit dem Erreger der Lungenpest infiziert haben. Nach einer verbreiteten Darstellung soll am 25. September ein Reagenzglas mit gefährlichem Material zerbrochen sein. Wenige Tage später erkrankte die 28-Jährige schwer.
Diese Darstellung wird von den russischen Gesundheitsbehörden allerdings zurückgewiesen. Rospotrebnadsor erklärte, Untersuchungen hätten keinen Hinweis auf einen Laborunfall ergeben. Im Körper der Verstorbenen seien zudem keine Mikroorganismen gefunden worden, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Verbindung stünden.
Als offizielle Todesursache wird derzeit eine „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“ angegeben.
Fünf Kliniken in Irkutsk unter Quarantäne
Trotz dieser offiziellen Darstellung wurden in der Region umfangreiche Schutzmaßnahmen eingeleitet. In Irkutsk befinden sich die städtischen Krankenhäuser Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 10, die Ivano-Matreninskaja-Kinderklinik sowie mindestens eine Geburtsklinik unter Quarantäne.
Die Maßnahmen sollen Berichten zufolge drei Wochen dauern. Patienten dürfen teilweise keinen Besuch empfangen und Einrichtungen nicht verlassen. Lebensmittel und persönliche Gegenstände können von außen übergeben werden.
Auch die Mitarbeiter des Anti-Pest-Instituts sollen zeitweise an ihrem Arbeitsplatz isoliert worden sein.
Bis zu 200 Kontaktpersonen unter Beobachtung
Besonders groß ist die Vorsicht, weil die 28-Jährige vor ihrem Tod mit zahlreichen Menschen Kontakt hatte. Berichten zufolge könnten zwischen 90 und 200 Personen betroffen sein.
Die identifizierten Kontaktpersonen wurden medizinisch untersucht und stehen unter Beobachtung. Nach Angaben der regionalen Behörden zeigen bislang keine Kontaktpersonen Krankheitssymptome, auch durchgeführte Tests seien negativ ausgefallen.
Damit gibt es derzeit keinen bestätigten Hinweis auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch.
Maskenpflicht und abgesagte Veranstaltungen
Die Sicherheitsmaßnahmen gehen über Krankenhäuser hinaus. In einem großen Aluminiumwerk in Schelechow wurde vorsorglich eine Maskenpflicht eingeführt. Zudem wurden in Irkutsk Veranstaltungen abgesagt.
Für zusätzliche Unruhe sorgte die Verwaltung der Stadt Baikalsk. Sie hatte Einwohner zeitweise aufgefordert, Reisen nach Schelechow und in umliegende Orte zu vermeiden. Der Hinweis wurde später wieder gelöscht.
Russlands oberste Amtsärztin Anna Popowa reiste persönlich nach Irkutsk und nahm an einer Krisensitzung teil. Die Behörden sprechen von einem möglichen Fall einer „besonders gefährlichen Infektion“, betonen gleichzeitig aber, die epidemiologische Lage sei stabil.
Was wäre bei Lungenpest so gefährlich?
Die Lungenpest wird durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht und ist die gefährlichste Form der Pest. Anders als die klassische Beulenpest kann sie bei engem Kontakt auch von Mensch zu Mensch über größere Atemtröpfchen übertragen werden.
Die Erkrankung kann sehr schnell verlaufen. Typische Symptome sind hohes Fieber, starke Schwäche, Atemnot, Brustschmerzen und Husten. Unbehandelt kann die Lungenpest innerhalb kurzer Zeit tödlich enden.
Heute ist die Krankheit allerdings mit Antibiotika behandelbar, insbesondere wenn die Therapie früh beginnt. Für eine Übertragung ist normalerweise enger Kontakt zu einem Erkrankten notwendig – die Pest verbreitet sich nicht annähernd so leicht wie klassische luftübertragene Viruserkrankungen.
Auch die USA beobachten den Fall
Der ungewöhnlich große Umfang der Schutzmaßnahmen hat inzwischen auch internationale Aufmerksamkeit ausgelöst. US-Gesundheitsbehörden und das Außenministerium beobachten die Entwicklung in Sibirien.
US-Außenminister Marco Rubio erklärte, die Situation sei kein Grund zur Panik, müsse aber aufmerksam verfolgt werden. Entscheidend sei nun, herauszufinden, woran die Laborantin tatsächlich gestorben ist und ob weitere Menschen erkranken.
Russland dementiert Pest – Fragen bleiben
Russische Behörden betonen weiterhin, dass kein Pesterreger bei der 28-Jährigen nachgewiesen worden sei und keine weiteren Infektionen festgestellt wurden. Gleichzeitig stehen Krankenhäuser unter Quarantäne, Kontaktpersonen werden täglich kontrolliert und zusätzliche Schutzmaßnahmen wurden eingeführt.
Damit bleibt vorerst eine entscheidende Frage offen: Warum löste der Tod einer Laborantin eines Anti-Pest-Instituts derart umfassende Seuchenmaßnahmen aus, wenn tatsächlich keine Pestinfektion vorlag?
Bis weitere Untersuchungsergebnisse vorliegen, gibt es jedenfalls keinen bestätigten Pestausbruch in Russland – aber auch international wird genau beobachtet, was hinter dem ungewöhnlichen Todesfall in Sibirien steckt.
(fd/apa)