Verbrennerverbot kommt doch?

Neue EU-Regeln sorgen für Ärger

(04.11.2026) Das geplante Verbrenner-Aus in der EU ab 2035 sorgt erneut für heftigen Streit. Zwar soll das bisherige Ziel von 100 Prozent weniger CO₂ bei Neuwagen abgeschwächt werden. Ein neuer Kompromiss im EU-Parlament sieht jedoch eine Reduktion um 95 Prozent gegenüber 2021 vor. Die „Krone“ spricht deshalb von einem „Verbrenner-Verbot durch die Hintertür“. Fakt ist: Benzin- und Dieselautos wären damit nicht grundsätzlich verboten – für Hersteller würde ihr Verkauf nach 2035 aber deutlich schwieriger.

Was ab 2035 tatsächlich geplant ist

Nach derzeit geltendem EU-Recht müssen die durchschnittlichen CO₂-Emissionen neu zugelassener Pkw und leichter Nutzfahrzeuge ab 2035 um 100 Prozent sinken. Weil ein klassischer Benzin- oder Dieselmotor am Auspuff CO₂ ausstößt, würde das praktisch bedeuten, dass gewöhnliche neue Verbrenner nicht mehr verkauft werden können.

Die EU-Kommission schlug Ende 2025 allerdings eine Lockerung vor: Statt 100 Prozent sollten Hersteller nur noch 90 Prozent weniger CO₂ erreichen müssen. Die restlichen Emissionen könnten unter anderem über klimafreundlich produzierten Stahl sowie E-Fuels und Biokraftstoffe ausgeglichen werden.

Damit wären auch Verbrenner, Plug-in-Hybride und Range-Extender nach 2035 grundsätzlich weiterhin möglich.

Parlament will jetzt 95 statt 90 Prozent

Nun haben sich Unterhändler von Europäischer Volkspartei, Sozialdemokraten und Liberalen auf einen anderen Kompromiss verständigt.

Demnach sollen Autohersteller ihre Flottenemissionen ab 2035 um 95 Prozent reduzieren. Weitere Entlastung soll es geben, wenn bei der Fahrzeugproduktion besonders klimafreundlicher Stahl verwendet wird.

Unter bestimmten Voraussetzungen könnte sich das tatsächlich einzuhaltende Ziel dadurch auf bis zu 87,5 Prozent Reduktion verringern.

Genau an diesem Punkt entzündet sich nun der politische Streit.

„Krone“ warnt vor Verbrenner-Aus durch die Hintertür

Die „Krone“ argumentiert, dass zwar auf dem Papier weiterhin neue Verbrenner erlaubt wären, die extrem strengen Flottenwerte deren Verkauf wirtschaftlich aber praktisch verhindern könnten.

Denn entscheidend ist nicht der CO₂-Ausstoß eines einzelnen Autos, sondern der Durchschnitt aller neu zugelassenen Fahrzeuge eines Herstellers.

Verkauft ein Konzern weiterhin Benzin- oder Dieselautos mit vergleichsweise hohen Emissionen, muss er diese mit einer entsprechend großen Zahl emissionsfreier Fahrzeuge ausgleichen.

FPÖ-Europaabgeordneter Roman Haider rechnet gegenüber der „Krone“ vor, bei bestimmten Zielwerten müssten Hersteller zahlreiche Elektroautos verkaufen, um überhaupt noch einen einzelnen Verbrenner in ihrer Flotte unterbringen zu können. Wie das genaue Verhältnis ausfällt, hängt allerdings stark von Modellmix, tatsächlichen Emissionen und möglichen CO₂-Gutschriften ab.

Bestehende Autos werden nicht verboten

Für Autofahrer wichtig: Selbst bei einer Verschärfung der Flottenvorgaben geht es nicht um ein Fahrverbot für bestehende Benzin- oder Dieselautos.

Wer 2035 bereits einen Verbrenner besitzt, dürfte ihn nach der derzeitigen Rechtslage weiterhin fahren. Auch der Gebrauchtwagenhandel wäre davon grundsätzlich nicht betroffen.

Die Regeln richten sich in erster Linie an Hersteller und deren neu zugelassene Fahrzeuge.

Die eigentliche Frage ist daher, welche neuen Benzin-, Diesel- oder Hybridmodelle Hersteller nach 2035 noch anbieten können – und zu welchem Preis.

Bis zu 726.000 Jobs laut Studie gefährdet

Besonders umstritten sind die möglichen Folgen für die europäische Autoindustrie.

Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation kommt zu dem Ergebnis, dass im Bereich der europäischen Antriebsstrang-Produktion bis 2040 bis zu 726.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten, sollte die Transformation unter den derzeitigen Rahmenbedingungen erfolgen.

Das wären rund 45 Prozent der dort untersuchten rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze. Gleichzeitig könnten nach dieser Modellrechnung bis zu 95 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren gehen.

Dabei handelt es sich allerdings um eine Szenariorechnung. Die tatsächliche Entwicklung hängt unter anderem von Investitionen, der Nachfrage nach Elektroautos, Energiepreisen, Produktivität und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Europas ab.

Österreich hängt stark an Autoindustrie

Für Österreich ist die Diskussion besonders relevant. Tausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an der Automobil- und Zulieferindustrie.

Unternehmen produzieren Motoren, Getriebe, Antriebstechnik und zahlreiche Komponenten für europäische Fahrzeughersteller. Das BMW-Werk in Steyr etwa produziert inzwischen sowohl klassische Verbrennungsmotoren als auch elektrische Antriebe.

Gerade Zulieferbetriebe stehen deshalb unter hohem Anpassungsdruck: Elektromotoren benötigen deutlich weniger mechanische Komponenten als klassische Verbrennungsmotoren.

China erhöht Druck auf europäische Hersteller

Parallel wächst der Wettbewerb aus China. Konzerne wie BYD, SAIC und Geely drängen mit Elektroautos verstärkt auf den europäischen Markt und bauen teilweise eigene Produktionsstandorte in Europa auf.

Die EU wiederum versucht, stärker auf europäische Produktion bei Batterien, Stahl und Fahrzeugen zu setzen.

Befürworter strenger CO₂-Ziele argumentieren, dass Europa den Umstieg auf Elektromobilität beschleunigen müsse, um gegenüber China technologisch nicht weiter zurückzufallen.

Kritiker warnen dagegen davor, europäische Hersteller schneller zur Elektromobilität zu zwingen, als Kunden tatsächlich Elektroautos kaufen.

Auch Grüne kritisieren den Kompromiss – aus anderem Grund

Interessanterweise kommt Kritik nicht nur von Gegnern des Verbrenner-Aus.

Die österreichische Grünen-Europaabgeordnete Lena Schilling hält die geplante Abschwächung der Klimaziele für einen Fehler. Ihrer Ansicht nach schafft ein ständiger Kurswechsel zusätzliche Unsicherheit für Unternehmen und gefährdet Investitionen in neue Technologien.

Während FPÖ-Vertreter deutlich niedrigere CO₂-Vorgaben fordern, wollen die Grünen also möglichst nahe am ursprünglichen Ziel bleiben.

Entscheidung ist noch nicht endgültig gefallen

Besonders wichtig: Die neuen Regeln sind noch nicht beschlossen.

Am heutigen Mittwoch beschäftigt sich der federführende Umweltausschuss des Europäischen Parlaments mit dem Kompromiss. Verkehrsausschuss und Industrieausschuss hatten die Lockerung bereits unterstützt.

Danach muss noch das gesamte Europäische Parlament seine Position festlegen. Anschließend folgen Verhandlungen mit den EU-Mitgliedstaaten.

Bis tatsächlich ein neues Gesetz gilt, kann sich daher noch einiges ändern.

Verbrenner nach 2035 möglich – aber nur eingeschränkt

Damit ergibt sich derzeit ein kompliziertes Bild: Das ursprüngliche vollständige Verbrenner-Aus könnte tatsächlich aufgeweicht werden.

Gleichzeitig wären die geplanten CO₂-Vorgaben weiterhin so streng, dass klassische Benzin- und Dieselmodelle nach 2035 wahrscheinlich nur einen kleinen Teil der Neuwagenflotten ausmachen könnten.

Ob daraus tatsächlich ein faktisches „Verbrenner-Verbot durch die Hintertür“ wird, wie die „Krone“ argumentiert, hängt letztlich von der endgültigen EU-Regelung, den vorgesehenen Gutschriften und davon ab, welche Fahrzeugtechnologien bis 2035 am Markt bestehen können.

(fd/krone)

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