Ceuta bittet EU um Hilfe
Tausende Migranten in der Stadt
(08.09.2026) Mehr als einen Monat nach dem massiven Migrationsandrang auf Ceuta bleibt die Lage in der spanischen Exklave in Nordafrika angespannt. Ceutas Präsident Juan Jesús Vivas warnte am Dienstag in Brüssel vor einer weiteren Eskalation: Die Stadt sei ein „Dampfkochtopf, der jederzeit explodieren kann“. Er fordert nun deutlich mehr Unterstützung von EU, Frontex und der Europäischen Asylagentur.
Bis zu 80.000 Menschen kamen innerhalb von zwei Tagen
Am 30. und 31. Juli 2026 gelangten innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Menschen aus Marokko nach Ceuta – viele zu Fuß über die Grenze, andere schwimmend über das Meer. Je nach Quelle reichen die Schätzungen von rund 72.000 bis etwa 80.000 Menschen. Damit handelte es sich um die mit Abstand größte Migrationskrise in der Geschichte der spanischen Exklave.
Zum Vergleich: Bei der schweren Ceuta-Krise im Jahr 2021 waren rund 10.000 Menschen innerhalb kurzer Zeit gekommen. Ende Juli 2026 war die Dimension damit ein Vielfaches größer.
91 Menschen sollen ums Leben gekommen sein
Nach offiziellen Angaben kamen bei dem Massenandrang mindestens 91 Menschen ums Leben. Viele versuchten, die spanische Exklave über das Meer zu erreichen. Der Großteil der Eingereisten kehrte anschließend nach Marokko zurück oder wurde zurückgebracht.
Spanische Behörden erklärten später, rund 69.500 Menschen seien nach Marokko zurückgekehrt. Wie viele tatsächlich noch in Ceuta leben, ist allerdings umstritten.
Tausende Migranten in der Stadt mit nur 84.000 Einwohnern
Anfang September ging die spanische Zentralregierung von ungefähr 5.000 verbliebenen Migranten aus. Vivas hält jedoch auch deutlich höhere Zahlen für möglich.
Er erklärte in Brüssel, man könne derzeit nicht seriös sagen, ob sich noch 5.000, 10.000 oder sogar 15.000 Menschen zusätzlich in der Stadt befänden. Ceuta selbst zählt lediglich rund 84.000 Einwohner. Allein daran wird deutlich, welche Belastung eine solche zusätzliche Zahl für Unterkünfte, Sozialdienste, Polizei und Infrastruktur bedeutet.
Ceuta fordert Frontex und mehr EU-Geld
Vivas verlangt deshalb eine stärkere sichtbare Präsenz der Europäischen Union an der Grenze zu Marokko. Konkret nennt er Frontex, die Europäische Asylagentur sowie zusätzliche finanzielle Unterstützung aus Brüssel.
Das Geld soll unter anderem in Grenzanlagen und Infrastruktur fließen und zugleich helfen, die humanitäre Versorgung der verbliebenen Migranten sicherzustellen. Vivas fordert darüber hinaus einen besonderen EU-Status für Ceuta und Melilla, weil sie die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union auf dem afrikanischen Kontinent bilden.
Polizeibericht spricht von geplantem Massenandrang
Besonders brisant sind inzwischen Erkenntnisse spanischer Ermittler. Ein Bericht des spanischen Zentrums für Immigration und Grenzen, der einer Richterin der Audiencia Nacional vorgelegt wurde, beschreibt die Ereignisse Ende Juli laut der Nachrichtenagentur EFE als „geplant“ und nicht spontan.
Der Bericht verweist außerdem auf Personen mit Verbindungen zu marokkanischen Sicherheitskräften. Marokkanische Behörden hätten demnach zumindest keine ernsthaften Versuche unternommen, die riesige Menschenmenge von der Grenze fernzuhalten.
Vivas geht noch weiter und wirft Marokko vor, Migrationsdruck bewusst als politisches Instrument gegen Ceuta eingesetzt zu haben. Er fordert von der EU deshalb eine klare Reaktion gegenüber Rabat. Marokko und die spanische Zentralregierung weisen eine gezielte Beteiligung beziehungsweise entsprechende Vorwürfe allerdings zurück.
Gerichtsurteil könnte Massenandrang mit ausgelöst haben
Zu den möglichen Ursachen gehört außerdem ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli 2026. Das Gericht entschied, dass ein bestimmtes Verfahren zur unmittelbaren Zurückweisung irregulär Eingereister nur angewendet werden kann, wenn eine physische Grenzanlage überwunden wurde.
Bei Personen, die etwa schwimmend über das Meer nach Ceuta gelangen, gilt diese Regel demnach nicht automatisch. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte später, kriminelle Schleusernetzwerke hätten dieses Urteil möglicherweise gezielt ausgenutzt.
Warum Ceuta für ganz Europa wichtig ist
Ceuta liegt an der nordafrikanischen Küste, gehört politisch aber zu Spanien und damit zur Europäischen Union. Gemeinsam mit Melilla bildet die Stadt eine außergewöhnliche Außengrenze: Hier treffen EU-Gebiet und Afrika direkt aufeinander.
Ceuta gehört zur EU, allerdings nicht zum EU-Zollgebiet und verfügt innerhalb des Schengen-Systems über Sonderregelungen. Wer von Ceuta auf das spanische Festland oder in andere Schengen-Gebiete weiterreisen will, muss deshalb erneut kontrolliert werden.
(fd/apa)