Hohe Spritpreise trotz Bremse
Klimaziel 2040 kostet 1 € mehr?
(24.09.2026) Während die Bundesregierung die hohen Benzin- und Dieselpreise ab Oktober erneut bremsen will, warnt die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) bereits vor deutlich höheren Kosten in den kommenden Jahren. WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger rechnet laut ersten Ergebnissen einer von der Kammer beauftragten Studie damit, dass Österreichs Ziel der Klimaneutralität 2040 den Sprit bis 2035 um bis zu einen Euro pro Liter zusätzlich verteuern könnte. Der WWF widerspricht dieser Darstellung und spricht von „irreführender Stimmungsmache“.
Spritpreisbremse bringt ab Oktober zwölf Cent pro Liter
Zunächst gibt es für Autofahrer aber eine Entlastung. Die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS legt die Spritpreisbremse für Oktober und November 2026 neu auf. Insgesamt sollen Benzin und Diesel dadurch um mehr als zwölf Cent pro Liter günstiger ausfallen, als sie ohne die Maßnahmen wären.
Konkret wird die Mineralölsteuer um 6,7 Cent pro Liter gesenkt. Bei Diesel sinkt sie damit laut Regierung auf das europäische Mindestniveau. Zusätzlich werden die Margen entlang der Treibstoff-Wertschöpfungskette um 3,5 Cent je Liter begrenzt. Weil auf einen niedrigeren Nettopreis auch weniger Mehrwertsteuer anfällt, ergibt sich insgesamt eine Entlastung von etwas mehr als zwölf Cent je Liter.
Damit wird die bisherige Regelung deutlich ausgeweitet. Bis Ende September galt noch eine Senkung der Mineralölsteuer um lediglich 1,9 Cent je Liter, während der Margeneingriff ausgesetzt war.
WKÖ warnt vor einem Euro Mehrkosten bis 2035
Genau diese kurzfristige Entlastung stellt Danninger nun langfristigen Kosten gegenüber. Nach ersten Berechnungen einer von der WKÖ beauftragten Studie, die erst in den kommenden Wochen vollständig veröffentlicht werden soll, könnte das österreichische Klimaneutralitätsziel den Treibstoffpreis bis 2030 um rund 60 Cent je Liter und bis 2035 um etwa einen Euro je Liter zusätzlich erhöhen. Die Zahlen sind damit derzeit eine Prognose der Wirtschaftskammer und noch keine unabhängig überprüften Studienergebnisse.
Danninger argumentiert, dass höhere Treibstoffkosten nicht nur Autofahrer treffen würden. Auch Transporte, Waren und Dienstleistungen könnten dadurch teurer werden. Die WKÖ betont gleichzeitig, dass sie zu den europäischen Klimazielen stehe, Österreich sich mit einem früheren nationalen Ziel aber keine zusätzlichen Wettbewerbsnachteile schaffen solle.
Österreich will bereits 2040 klimaneutral sein
Ein wesentlicher Streitpunkt ist der unterschiedliche Zeitplan. Österreich verfolgt das Ziel, bereits 2040 klimaneutral zu werden, während die Europäische Union die Klimaneutralität bis 2050 anstrebt.
Für die Wirtschaftskammer zeigt sich der mögliche Preisunterschied insbesondere beim geplanten Erneuerbare-Energien-Gesetz Verkehr (EEG-V). Damit soll die europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED III umgesetzt werden.
Der österreichische Entwurf sieht nach Darstellung der WKÖ für verpflichtete Unternehmen einen Zielpfad von 18 Prozent im Jahr 2027, 35 Prozent 2030 und 65 Prozent 2035 vor. Kraftstoffanbieter müssten dafür unter anderem verstärkt erneuerbare Kraftstoffe wie HVO, Biodiesel oder Ethanol einsetzen beziehungsweise anrechenbaren erneuerbaren Strom nutzen. Werden Vorgaben nicht erreicht, können Ausgleichszahlungen anfallen.
WKÖ fordert technologieoffenen Kurs
Die Wirtschaftskammer fordert deshalb, Klimaziele stärker technologieoffen umzusetzen und zusätzliche österreichische Vorgaben über bestehende EU-Ziele hinaus zu vermeiden. Danninger warnt davor, Energie und Mobilität durch nationale Sonderwege zusätzlich zu verteuern.
Die WKÖ hatte bereits die neue Spritpreisbremse kritisiert – allerdings nicht die Senkung der Mineralölsteuer, sondern die neuerliche Begrenzung der Margen. Sie befürchtet, dass solche Markteingriffe Österreich für Treibstoffimporte weniger attraktiv machen und insbesondere kleinere Tankstellen belasten könnten.
WWF widerspricht der Rechnung der Wirtschaftskammer
Deutlich anders bewertet der WWF Österreich die Situation. Die Umweltorganisation wirft der Wirtschaftskammer vor, die möglichen Kosten der Klimapolitik einseitig darzustellen. Eine vollständige Rechnung müsse laut WWF auch berücksichtigen, wie viel Geld Österreich durch einen geringeren Verbrauch von Öl und Gas bei Energieimporten sparen könne.
Zusätzlich müssten aus Sicht der Umweltorganisation die wirtschaftlichen Schäden durch Hitze, Dürren, Überschwemmungen und andere Klimafolgen einbezogen werden. Gerade die jüngsten Spritpreissprünge zeigten laut WWF, wie stark die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern Österreich internationalen Krisen und Preisschwankungen aussetze. Der WWF fordert deshalb unter anderem mehr öffentliche Verkehrsmittel und einen schnelleren Umstieg auf alternative Antriebe.
Spritpreise werden zum politischen Streitpunkt
Damit treffen zwei unterschiedliche Fragen aufeinander: Kurzfristig versucht die Regierung, Autofahrer mit der Spritpreisbremse für Oktober und November um mehr als zwölf Cent pro Liter zu entlasten. Langfristig wird darüber gestritten, welche Kosten Österreichs Klimaziel 2040 für Benzin, Diesel und die gesamte Wirtschaft tatsächlich verursacht – und welche Kosten entstehen würden, wenn der Umstieg von fossilen Energieträgern langsamer erfolgt.
Besonders relevant wird daher die angekündigte vollständige WKÖ-Studie. Erst mit deren Veröffentlichung lässt sich genauer beurteilen, auf welchen Annahmen die prognostizierten 60 Cent bis 2030 beziehungsweise ein Euro bis 2035 beruhen.
(fd/apa)