Neuer Ukraine Antrag
Milliarden für neue Patriots?
(02.09.2026) Die Ukraine drängt angesichts zunehmender russischer Luftangriffe auf eine massive Verstärkung ihrer Flugabwehr. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestätigte am Mittwoch in Brüssel einen neuen ukrainischen Finanzierungsantrag über mehrere Milliarden Euro. Das Geld soll vor allem in Luftverteidigung fließen – ausdrücklich auch in hochmoderne PAC-3-Abfangraketen für das Patriot-System.
EU-Staaten prüfen Milliarden-Antrag
Von der Leyen erklärte nach einem Treffen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte, die Mitgliedstaaten würden den Antrag derzeit prüfen. Eine endgültige Zusage gibt es damit noch nicht. Die Kommissionspräsidentin sagte allerdings, der Antrag bewege sich aus ihrer Sicht „in die richtige Richtung“.
Die genaue Summe wurde nicht genannt. Fest steht lediglich: Es geht um mehrere Milliarden Euro, mit denen die Ukraine zusätzliche Luftabwehrsysteme und Abfangraketen finanzieren will.
Ukraine braucht rund 300 Patriot-Raketen
Der Engpass ist akut. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte den Bedarf zuletzt auf rund 300 Patriot-Abfangraketen für den kommenden Winter. Die ukrainischen Luftstreitkräfte hätten sogar einen Bedarf von 360 Stück angemeldet.
Selenskyj verwies zugleich auf das Produktionsproblem: Weltweit werden nur begrenzte Mengen dieser hochkomplexen Raketen hergestellt. Genau deshalb kann selbst vorhandenes Geld nicht automatisch in sofort verfügbare Patriot-Raketen umgewandelt werden.
Warum PAC-3 für die Ukraine so wichtig ist
Die Patriot-Systeme gehören zu den wichtigsten Waffen der ukrainischen Luftverteidigung. Besonders die PAC-3-Abfangraketen werden benötigt, um schnell fliegende ballistische Raketen zu zerstören.
Andere ukrainische Luftabwehrsysteme können Drohnen oder langsamere Marschflugkörper bekämpfen, gegen bestimmte russische ballistische Raketen sind die Möglichkeiten jedoch deutlich eingeschränkter.
Der Mangel wird deshalb besonders mit Blick auf den Winter gefährlich. Russland hat in den vergangenen Jahren gezielt Kraftwerke, Umspannwerke und andere Energieanlagen angegriffen. Die EU fordert daher ausdrücklich eine schnellere Lieferung von Luftabwehr, Raketen und Munition zum Schutz der ukrainischen Bevölkerung und der kritischen Infrastruktur.
EU-Minister konnten keine neuen Patriots zusagen
Erst am Dienstag hatten die Verteidigungsminister der EU-Staaten im irischen Wicklow über genau dieses Problem beraten. Das Ergebnis war ernüchternd: Neue konkrete Zusagen für Patriot-Abfangraketen gab es nicht. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte bereits vor dem Treffen, die Ukraine leide unter einem Mangel an Interzeptoren. Einige europäische Staaten verfügten über Raketen, deren vorgesehene Nutzungsdauer bald ablaufe. Diese könnten aus ihrer Sicht noch an die Ukraine abgegeben werden.
Unter anderem Spanien und Griechenland verfügen über Patriot-Bestände. Beide Staaten müssen dabei allerdings ihre eigenen Luftverteidigungsbedürfnisse berücksichtigen.
Zusätzlich neues Raketenabwehr-Projekt „Freya“
Europa will gleichzeitig unabhängiger von amerikanischen Systemen werden. Von der Leyen bestätigte deshalb erneut die Arbeit am gemeinsamen Projekt Freya. Dabei handelt es sich um ein europäisch-ukrainisches Vorhaben zum Aufbau einer eigenen Abwehr gegen ballistische Raketen. Die Erfahrungen der Ukraine aus mehr als vier Jahren Krieg sollen dabei unmittelbar in die Entwicklung eines europäischen Systems einfließen.
Freya ersetzt Patriot allerdings nicht kurzfristig. Die Ukraine braucht vorhandene Abfangraketen jetzt, während ein neues europäisches System erst aufgebaut und produziert werden muss.
90-Milliarden-Kredit läuft bereits
Der neue Antrag kommt zusätzlich zum bereits beschlossenen 90-Milliarden-Euro-Unterstützungskredit der EU für die Ukraine für 2026 und 2027.
Davon sind grundsätzlich rund 60 Milliarden Euro für militärische Unterstützung und Verteidigungsbeschaffung vorgesehen. Bislang wurden nach Angaben des EU-Rates 8,4 Milliarden Euro für Verteidigungsbeschaffungen ausgezahlt; von der Leyen sprach am Mittwoch von rund 8,5 Milliarden Euro für Drohnen und Raketen seit Juni.
Über diese Mittel sollen künftig auch weitere europäische Rüstungsgüter und laut von der Leyen unter anderem Kampfflugzeuge aus europäischer Produktion finanziert werden.
Europas Problem ist nicht nur das Geld
Der neue Milliarden-Antrag macht zugleich ein grundsätzliches Problem sichtbar: Europa kann zusätzliche Waffen finanzieren, aber fehlende Patriot-Raketen nicht kurzfristig herbeizaubern.
Die verfügbaren Lagerbestände vieler NATO-Staaten sind begrenzt, gleichzeitig müssen diese Länder ihre eigene Luftverteidigung gewährleisten. Hinzu kommt die vergleichsweise geringe Produktionskapazität für moderne PAC-3-Abfangraketen.
Damit dürfte die entscheidende Frage der kommenden Wochen weniger sein, ob Europa weitere Milliarden für die Ukraine bereitstellt, sondern wie schnell tatsächlich zusätzliche Patriot-Raketen beschafft und geliefert werden können.
(fd/apa)